10.02.2018 – Klaus Staeck – 80 Jahre, weise und ein bisschen leiser

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Essen, 2018-02-10 von [ vera kriebel ]

Klaus Staeck in Essen, Folkwang-Museum: “Klaus Staeck. Sand fürs Getriebe”, 9. Februar – 8. April 2018

Kennt jemand Klaus Staeck ? Für viele ist “Staeck ein Teil von mir”, für einige hat er sich “in die rechte Ecke” bewegt, den Jüngeren, den unter 40-jährigen, “sagt er nix”. Klaus Staeck ist ein Stück lebende deutsche Zeitgeschichte. Das hört sich niederträchtig an, ist es aber gar nicht.

Verlierer, Plakatprovokateur, Kunstaktivist

Andere bezeichnen ihn als Plakatprovokateur oder Kunstaktivist, er selbst nennt sich “Verfechter des Staates, des demokratischen Staates” (und Gegner der direkten Demokratie) oder “Mitarbeiter” (denn “Demokratie ist Mitarbeit”), aber auch einen “Verlierer” (bezogen auf den unaufhaltsam scheinenden Durchmarsch von Amazon und Co.).

Wer Staeck trifft, dem wird klar: Denkmal oder Rentner ist er sicher nicht, da hat einer auch mit 80 noch eine Menge vor und ist keineswegs leise, selbst wenn er gerne aus dem Nähkästchen seiner Lebenserinnerungen fabuliert. Gut: Leiser ist er schon geworden, und geradezu weise, wie er inzwischen routiniert und abgeklärt tief in die eigene Geschichte greift, die eben auch die deutsche ist.
Der frühere, der wütende und aggressive Staeck blitzt noch auf, wenn’s ums Eingemachte, um Merkel oder um den Künstlermarkt geht, wenn er sich gegen Amazon, gegen die Aufhebung der Buchpreisbindung und für den Schutz der Urheberrechte erhitzt.

Natürlich ist er auch ein – im Übrigen erfolgreicher – Player auf dem Kunstmarkt. Jahrzehntelang hat er seine Vorstellungen von “richtig” mit allen Mitteln des “Demokratiebedarfs” (Staeck) gestützt, geradezu mit einem professionellem Merchandising über Bücher, Karikaturen, Plakate, Aufkleber, Buttons … Aber es ist merklich: Die tiefe Sorge treibt ihn um, um die Umwelt, um die Zukunft, um die Kunstfreiheit, die er dadurch ebenso bedroht sieht wie durch diese “Biedermeier-Einstellung” (Staeck), die nackte Damen aus Museen verbannt.

Um Staeck selbst ist es in den letzten 30 Jahren leiser geworden. Zwar hat er auch in den letzten Jahren noch viele wichtige Plakat-Kommentare geschaffen, aber die Zeiten haben sich seit den 1970ern geändert. Auch wenn die Angeprangerten immer noch die Justiz bemühen, um seine Meinung und Collagen zu verbieten – die Massen mobilisiert und provoziert er mit den Plakaten nicht mehr. Ihn wie einige Altlinke in die “rechte Ecke” zu stellen, zeugt aber nur von deren völliger ebenso hirnloser wie politisch gefährlicher Begriffsverwirrung (wo, bitteschön, finden sich dann die AFD und NPD ?).

Grandseigneur der BRD-Politkunst

Die Ausstellung – man beachte den sehr feinen Akzent im Titel: Staecks Werk ist nicht “Sand im Getriebe”, sondern “Sand fürs Getriebe” – ist gerade deswegen wichtig: Weil sie Deutschland in den letzten 60 Jahren aus Sicht von Staeck und vielen (linken) Mitstreitern reflektiert. Und auch weil sie so nachzeichnet, wie sehr sich diese Republik verändert hat – und wie wenig. Wie oft etwas nur anders heißt oder von Tätern mit anderen Namen gelenkt und geleitet wird – obwohl System und Strukturen dahinter die gleichen geblieben sind.

Und weil es – leider! – heute bei aller inzwischen möglichen und genutzten Teilhabe in Form von Montagen, Fotos, Videos, … bei Facebook oder Twitter im Web keinen wie ihn gibt: Einen, der so “plakativ” (ist der Begriff für ihn geschaffen worden ?) und gleichzeitig so intelligent wichtige politische Entwicklungen grafisch, bildnerisch kommentiert und verbreitet hat.

Klaus Staeck. Sand fürs Getriebe in Essen, 9. Februar – 8. April 2018. Eintritt frei

Die Staeck-Schau selbst hat einige Schwächen. Da ist zuallererst das Fehlen eines Begleitprogramms zu nennen. Staecks Werk ist auch ein zeitgeschichtlich wichtiges Werk – wieso gibt es keine Angebote für Kinder und Jugendliche, Schulklassen, Lehrer ? Wieso die kurze Laufzeit und dann noch über die Osterferien ? Und muss das Neonschriftband “Zukunft” fast „plakativ“ den Eingang zu den Ausstellungsräumen zieren ? Die ganze Anlage der Ausstellung hakt ein wenig: Ist dies eine Ausstellung zu Staecks politischen Kunstwerken oder eine umfassende Retrospektive des Künstlers ?

Vera Kriebel, 10.2.2018, www.ruhrgebiet-kunst-kultur-freizeit.blogspot.de/2018/02/klaus-staeck-im-folkwang-80-jahre-sehr.html

 
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