28.12.2012 – Alexander Kluge DCTP Filme – Interview und Juergen Habermas – Heine Preis Düsseldorf 2012

Alexander Kluge DCTP Filme – Interview und Juergen Habermas – Heine Preis Düsseldorf 2012

Bücher mit / über Juergen Habermas, Gerhard Richter und Anselm Kiefer

tst-3    28.12.2012

In erster Linie sei Alexander Kluge ein Buchauthor – jüngst hätte er Bücher mit / über Juergen Habermas, Gerhard Richter und Anselm Kiefer geschrieben („hätte er für sie gemacht“) – dies hätte er zeitlebens betrieben (das Bücher schreiben).
Aber dann mache er auch Filme – d.h. Bücher und Filme – nicht parallel und zeitgleich – „das ginge nicht“.

Außer dem Mut (dem Heine´schen Angriffsgeist) wäre in unserer Zeit Gründlichkeit notwendig – für alle gäbe es „Kurze Nachrichten“ – so auch in YouTube – aber auch YouTube wäre voller Substanz – was sehr gut wäre.
Minuten Filme habe er schon immer gemacht: „der Augenblick muss beim Schopfe gefasst werden“, aber gleichzeitig wäre heute Gründlichkeit erforderlich.

Hinsichtlich der unterschiedlichen Wirkung von Büchern und Filmen erinnerte er an ein DCTP Film Projekt hier in Düsseldorf: „Früchte des Vertrauens“ – 10 Stunden Filmmaterial über die Finanzkrise – diese könnte man nun perspektivisch von allen Seiten sehen und nicht nur vom Tagesgeschäft her. D.h. er stellte die Möglichkeit der inhaltlich und formell applizierbaren Mehrdimensionalitaet des Films heraus – was in diesem Maße nicht mit einem Buch machbar wäre – auch nicht mit einem dicken Buch. Erst ein Film mit z.B. Musik und verschiedenartigen Stil- und Präsentationsebenen führe zu vollen Kinos.

Wie z.B. 1929 das Werk von Eisenstein, der ein Projekt angefangen hätte mit dem Ziele, das Kapital zu „verfilmen“ – mit der Vorstellung James Joyce wäre sein Author.
So sind 9.5 Stunden Film enststanden – mehrere Filme. Und so ein Film würde ganztägig in Peking an der Uni aufgeführt und danach kommunizierten und diskutierten die Chinesen via Skype – und öffneten sich damit „der“ und gingen damit „in“ die moderne Medienwelt hinein – und das seitlich von Hollywood.

Zugleich seien sie schutzgeimpft gegenüber der Brutalität der Kulturrevolution – doch sie fänden auch: Irgendetwas war da dran an unserer selbstbewußten Kulturrevolution 1949 – d.h. sie möchten nicht alles ausverkaufen.

Hierüber könne man ja eine Geschichte schreiben, wie z.B. über den Gouverneur, der sich im Gefängnis das Leben nahm, weil er Pensionsfonts ins Land hinein ließ, die nach Indien gegangen wären – und das das sein Ruin gewesen wäre.
Und der Sohn wäre Chef des Rechnungsprüfungsamtes geworden und hätte die erfahrenen chinesischen Marxisten nach New York geschickt, damit die Kapitalisten da erst mal richtig lernen könnten, was Kapitalismus wäre. Sowas ließe sich literarisch schon schreiben, zumal es auch eine wahre Geschichte sei.

Hierzu könnte man auch was „Gründliches“ machen – in 9,5 Stunden, und dann mit Interesse rechnen. Diese Seite – gründlich zu sein – käme zum Mut hinzu – in dieser beschleunigten Welt. Und wenn das Schiff zu schnell vor dem Sturm dahinsegelte, wäre es auch gefährlich.

Bezüglich des Bauernthemas im Interview mit Kahl (2002) statete er: er ackere auf den Feldern der Erfahrung – und bzgl. des Diktates der digitalen Medien: es wäre dort genauso. Ein Bauer wäre in ihm – wie jeder einen Bauern in sich hätte – auch sein Vater, der Arzt war, hatte diesen in sich.
Man brauche in einer Welt der Beschleunigung „innere Ruhe“ – und man müsse sich einen Moment „daneben“ stellen – und das wäre (führe zu) Aufmerksamkeit – dafür wären die Künstler da, (bzw. hätten an der Umsetzung des „sich daneben Stellens“ ihren Anteil).

Angesprochen auf sein Zitat zu „Asterix als Partisan“ in dem o.g. Interview (und „die Gallier ließen sich ihre Selbstständigkeit nicht nehmen“) führte er an, dass er derzeit einen neuen Film mit Helge Schneider mache, der einen Studiendirektor aus Mülheim spielen würde. Und dieser Direktor sei der Vorsitzende des Varus-Vereines und würde die Meinung und Perspektive vertreten: „Wenn Varus die Schlacht im Teuteburger Wald gewonnen hätte, wären wir vielleicht ein zivilisierteres Land geworden“. Auch Heine hätte dies wohl für „gut“ gefunden – wenn hier etwas mehr Latein ins Land gegangen wäre.

Auf das Zitat von Heinrich Heine “Düsseldorf ist sehr schön” reagierte Alexander Kluge bestätigend. “Seine Lieblingsaufnahmen hätte er in der Rheinischen Oper in Düsseldorf” gemacht. Das Düsseldorfer Schauspielhaus wäre ihm auch bekannt. Angesprochen auf den Theaterregisseur Mogutschi kann er staten: “Düsseldorf ist eine generöse Stadt – sogar etwas weltoffener als die ganze Republik”.

Zur kritschen Anmerkung von Gerd Kaiser (ehem. Rektor der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf) in seiner Kolumne in der Rheinischen Post (Dez. 2012) “Immer wenn Düsseldorf erwähnt wird, wird das begleitet von einem kleinen Lacher” antwortete er, dass er dieses noch nicht bemerkt hätte und ihm noch nicht aufgefallen sei. Und dies könne er auch nicht unterschreiben.

Düsseldorf wäre eine rheinische Stadt – der Rhein fließe ja hindurch – und eine sehr interessante “Brückenstadt”, die nicht nur nach Westen – z.B. nach den Niederlanden und Frankreich – weise, sondern auch in Richtung Osten – ins Bergische Land. So wie Heine es auch gemacht / gedacht hätte.

Auf die Anmerkung, dass aber Düsseldorf nicht nur das “Klein-Paris” wäre und dass
die (in Düsseldorf lebenden) “Menschen sehr zu Übertreibungen neigen würden”, entgegnete er, dass das ja nichts “Unlebendiges” sei. Und er verwies in diesem Zusammenhang auf Frankfurt, “wo die Menschen, die Vermögen hätten, auswärts säßen” und “wo die Hessen die Bauernkriege nachträglich gewännen und jetzt nicht für die Krankenhäuser zu zahlen bräuchten”.

“Köln wäre (auch) eine schöne Stadt – etwas stark zerbombt – Köln hätte immer noch Wunden” aber es wäre nicht seine Aufgabe zwischen Köln und/oder Düsseldorf zu richten. Er könne sich aber vorstellen, “sich in Düsseldorf leichter niederzulassen”.

Abhebend auf das Thema Interviewformate, insbesondere die Frage nach dem strengen und strikten Doppel-Interview-Format, klärt er, dass bei seinen Interviews der Gesprächsfluss im Vordergrund stehe. Das Interview wäre ein Gespräch, bei dem zwischen denen, die reden, etwas entstünde – und dies solle man laufen lassen:
“Das, was zwei Leute reden, kann gescheiter sein, als das was sie selber denken”.

Bei seinen Interviews handele es sich nicht um Inszenierungen. Es wäre wichtig “immer die Dramaturgie der Schulpause zu wählen und nicht die der Schulstunde.

Auf die Frage, was denn wäre, wenn man nicht alles erfahren würde, was von Interesse wäre, reagierte er mit: “dann erfährt man stattdessen was anderes”, denn das was einem als Fragenden interessiere übertrage sich auf den Gefragten – und der reagiere.

Nachgefragt auf die mögliche Unterstellung jüngerer Kreativer, die thematische Bestückung des DCTP Kulturfensters bei RTL sei nicht ausreichend pluralistisch flexibel sondern eher zu hierarchisch platziert, entgegnete er, dass entscheide er nicht alleine “wirklich”. Er habe sich verpflichtet 18 mal Oper ins Fernsehen zu bringen – sozusagen einen Opernführer mit Musik – wo auch mal “Die Zauberflöte” fast wie ein Stummfilm wirke – und es wäre nicht immer seine Entscheidung, sondern es würde deshalb “gebracht” weil es “gut” sei, z.B. würde derzeit etwas gebracht über die “Goldgraeberjahre der Astrophysik”, da sich hier alle 5 jahre ein anderes Weltbild ergäbe – und dies gehöre zur Zeit (in der wir leben) – und die dunkle Materie umgäbe uns. Und wenn man dies unberücksichtigt ließe, wäre Fernsehen dumm. Er brächte die Themen, die aktuell und zeitgemäß wären – und die Zuschauer belöhnen das mit Interesse und Anteilnahme (Qoten).

So z.B. die Beiträge mit Georg Schramm. Dieser spiele den Cousin des berbeißigen Mannes mit der kaputten Hand – einen Rechnungsprüfer in Bruessel und zugleich Mitglied der Troika in Griechenland. Hier wäre ein Marktanteil von 18% (Quote) zu verzeichnen – und dies wäre auch bei “Spiegel” nicht besser. Er verstehe sich eher als Schatzgräber.
Zu dem Thema Privat-Sender-Lizenzvergabe in den 80igern fiel ihm ad-hoc der Name und die Person Thoma ein – der ihn “damals” schwer bekämpft hätte und die Meinung verbreitet habe: er (Alexander Kluge) würde Schönberg für das Zirkusorchester machen wollen. Thoma hätte einen frechen Ton gehabt. Sie hätten sich aber auch gegenseitig respektiert. Von Fernsehen verstehe er (Thoma) was. So wie er (Alexander Kluge) etwas von Lockerung verstünde. Sein Amt (Thoma´s) wäre es gewesen, ihn (Alexander Kluge) nach “Strich und Faden” öffentlich “fertig zu machen” – “vielleich könne man die Fensterprogramme los werden und nur noch “Bohlen” bringen (“um ein Beispiel zu nennen”). Alexander Kluge stellte klärend fest, dass es doch viel besser sei, der Verfassung zu folgen – so dass es irgendetwas anderes auch noch gäbe (neben Bohlen).

Fernsehen sei ein Leitmedium – zum 9/11 ging man ins / ans Fernsehen – heute benutze man wohl auch den Browser und ginge ins Netz . Wenn etwas ein Leitmedium sei – Netz oder Fernsehen – dann müßte man das Beste, was auch den höchsten Rang hat außerhalb des Fernsehens, ins Fernsehen hinein bringen.

So z.B. arbeite er mit dem Direktor des Max Plank Institutes für Bildungsforschung (Berlin) zusammen in einem Team, daneben aber auch mit Berling, Helge Schneider und dem “Schramm”. Dies sei nicht nur lockerer, sondern auch intelligenter – und diese Intelligenz sollte man nicht nur im Akademischen suchen (“Letzte Lockerung – Walter Serner”).

Haltegriffe stelle das Fernsehen ja nicht mehr bereit – das brauche es ja auch nicht mehr – Menschen bräuchten keine Haltegriffe mehr – sie wären schon ganz schön selbständig – gerade junge Menschen seien dies.

CV:

Alexander Kluge, geboren 1932 in Halberstadt, promovierte 1956 über die “Universitäts-Selbstverwaltung” zum Dr. jur., einem Thema, das bald darauf politisch brisant wurde. Er wurde juristischer Berater des Frankfurter Instituts für Sozialforschung und sehr bald Vertrauter von T.W. Adorno. Anfang der 60er Jahre wurde K. gleichzeitig als Schriftsteller und Filmemacher bekannt: 1962 liest er bei der Gruppe 47 aus dem Band Lebensläufe und veröffentlicht zusammen mit 25 jungen Filmern das Oberhausener Manifest, 1966 erhält er als erster Deutscher nach dem Krieg den Silbernen Löwen bei den Filmfestspielen in Venedig für Abschied von Gestern mit Alexandra Kluge in der Hauptrolle. Damit öffnet sich in Europa eine Tür für den Neuen Deutschen Film, als dessen spiritus rector man Kluge bezeichnen darf, insofern er seine ganze Kraft einsetzt, diese Individualisten des Kinos zusammenzuhalten und institutionelle, finanzielle Absicherungen für einen deutschen Autorenfilm herzustellen (Gründung des Ulmer Instituts für Filmgestaltung 1962, Rahmenabkommen Film / Fernsehen 1974). Es geht, wie Kluge als Kritischer Theoretiker weiß, niemals nur um das Gelingen einzelner Werke, sondern nötig ist die Herstellung einer authentischen Öffentlichkeit, einer stabilen Verbindung mit dem Publikum, und das können einzelne nicht alleine.

Bis Mitte der achtziger Jahre veröffentlicht Kluge 14 abendfüllende Spielfilme (die immer auch dokumentarisches Material enthalten), schreibt vier Bände Geschichten und setzt zusammen mit Oskar Negt die Kritische Theorie philosophisch-soziologisch fort. Nach der Aufkündigung der Filmförderung durch die konservative Regierung führt Kluge das Konzept der Politik der Autoren ab 1988 in sog. Kulturfenstern im Privatfernsehen fort (RTL, SAT 1, VOX sowie dem Schweizer Fernsehen). In knapp 20 Jahren entstehen ca. 1500 Stunden Sendezeit aus Gesprächen mit Künstlern, Wissenschaftlern, Musikern, Filmern, Schriftstellern, Politikern, aber auch mit neuen TV-Formaten wie Musikmagazinen, Bildern ohne Worte oder der bekannten Reihe Facts & Fakes.

Zu Beginn des neuen Jahrhunderts meldet er sich auch wieder als literarischer Autor mit mehreren umfangreichen Erzählungsbänden zurück (Bremer Literaturpreis zum zweiten Mal 2001, Büchner Preis 2003). Wenn Kluge sich literarisch, in Bildern und wissenschaftlich in Begriffen äußert, so handelt es sich weder um verschiedene Themen, schon gar nicht um verschiedene Ziele, sondern um unterschiedliche Ausdrucksformen ein- und derselben Sache: der authentischen Vermittlung von Erfahrungen in einer gesellschaftlichen Wirklichkeit, in der starke Kräfte auf Verschüttung und Entwertung von Erfahrung gerichtet sind. (RS)

http://www.kluge-alexander.de/zur-person.html

 

Alexander Kluge mit Adorno zur Rheinischen Oper – Gerhard Richter