10.02.2018 – Klaus Staeck – 80 Jahre, weise und ein bisschen leiser

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Essen, 2018-02-10 von [ vera kriebel ]

Klaus Staeck in Essen, Folkwang-Museum: “Klaus Staeck. Sand fürs Getriebe”, 9. Februar – 8. April 2018

Kennt jemand Klaus Staeck ? Für viele ist „Staeck ein Teil von mir“, für einige hat er sich „in die rechte Ecke“ bewegt, den Jüngeren, den unter 40-jährigen, „sagt er nix“. Klaus Staeck ist ein Stück lebende deutsche Zeitgeschichte. Das hört sich niederträchtig an, ist es aber gar nicht.

Verlierer, Plakatprovokateur, Kunstaktivist

Andere bezeichnen ihn als Plakatprovokateur oder Kunstaktivist, er selbst nennt sich „Verfechter des Staates, des demokratischen Staates“ (und Gegner der direkten Demokratie) oder „Mitarbeiter“ (denn „Demokratie ist Mitarbeit“), aber auch einen „Verlierer“ (bezogen auf den unaufhaltsam scheinenden Durchmarsch von Amazon und Co.).

Wer Staeck trifft, dem wird klar: Denkmal oder Rentner ist er sicher nicht, da hat einer auch mit 80 noch eine Menge vor und ist keineswegs leise, selbst wenn er gerne aus dem Nähkästchen seiner Lebenserinnerungen fabuliert. Gut: Leiser ist er schon geworden, und geradezu weise, wie er inzwischen routiniert und abgeklärt tief in die eigene Geschichte greift, die eben auch die deutsche ist.
Der frühere, der wütende und aggressive Staeck blitzt noch auf, wenn’s ums Eingemachte, um Merkel oder um den Künstlermarkt geht, wenn er sich gegen Amazon, gegen die Aufhebung der Buchpreisbindung und für den Schutz der Urheberrechte erhitzt.

Natürlich ist er auch ein – im Übrigen erfolgreicher – Player auf dem Kunstmarkt. Jahrzehntelang hat er seine Vorstellungen von „richtig“ mit allen Mitteln des „Demokratiebedarfs“ (Staeck) gestützt, geradezu mit einem professionellem Merchandising über Bücher, Karikaturen, Plakate, Aufkleber, Buttons … Aber es ist merklich: Die tiefe Sorge treibt ihn um, um die Umwelt, um die Zukunft, um die Kunstfreiheit, die er dadurch ebenso bedroht sieht wie durch diese „Biedermeier-Einstellung“ (Staeck), die nackte Damen aus Museen verbannt.

Um Staeck selbst ist es in den letzten 30 Jahren leiser geworden. Zwar hat er auch in den letzten Jahren noch viele wichtige Plakat-Kommentare geschaffen, aber die Zeiten haben sich seit den 1970ern geändert. Auch wenn die Angeprangerten immer noch die Justiz bemühen, um seine Meinung und Collagen zu verbieten – die Massen mobilisiert und provoziert er mit den Plakaten nicht mehr. Ihn wie einige Altlinke in die „rechte Ecke“ zu stellen, zeugt aber nur von deren völliger ebenso hirnloser wie politisch gefährlicher Begriffsverwirrung (wo, bitteschön, finden sich dann die AFD und NPD ?).

Grandseigneur der BRD-Politkunst

Die Ausstellung – man beachte den sehr feinen Akzent im Titel: Staecks Werk ist nicht „Sand im Getriebe“, sondern „Sand fürs Getriebe“ – ist gerade deswegen wichtig: Weil sie Deutschland in den letzten 60 Jahren aus Sicht von Staeck und vielen (linken) Mitstreitern reflektiert. Und auch weil sie so nachzeichnet, wie sehr sich diese Republik verändert hat – und wie wenig. Wie oft etwas nur anders heißt oder von Tätern mit anderen Namen gelenkt und geleitet wird – obwohl System und Strukturen dahinter die gleichen geblieben sind.

Und weil es – leider! – heute bei aller inzwischen möglichen und genutzten Teilhabe in Form von Montagen, Fotos, Videos, … bei Facebook oder Twitter im Web keinen wie ihn gibt: Einen, der so „plakativ“ (ist der Begriff für ihn geschaffen worden ?) und gleichzeitig so intelligent wichtige politische Entwicklungen grafisch, bildnerisch kommentiert und verbreitet hat.

Klaus Staeck. Sand fürs Getriebe in Essen, 9. Februar – 8. April 2018. Eintritt frei

Die Staeck-Schau selbst hat einige Schwächen. Da ist zuallererst das Fehlen eines Begleitprogramms zu nennen. Staecks Werk ist auch ein zeitgeschichtlich wichtiges Werk – wieso gibt es keine Angebote für Kinder und Jugendliche, Schulklassen, Lehrer ? Wieso die kurze Laufzeit und dann noch über die Osterferien ? Und muss das Neonschriftband „Zukunft“ fast „plakativ“ den Eingang zu den Ausstellungsräumen zieren ? Die ganze Anlage der Ausstellung hakt ein wenig: Ist dies eine Ausstellung zu Staecks politischen Kunstwerken oder eine umfassende Retrospektive des Künstlers ?

Vera Kriebel, 10.2.2018, www.ruhrgebiet-kunst-kultur-freizeit.blogspot.de/2018/02/klaus-staeck-im-folkwang-80-jahre-sehr.html

 
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23.11.2017 – Jan Boehmermann mit Kultur Düsseldorf und Alain Bieber im NRW Forum

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Jan Böhmermann bereicherte am 23.11.2018 die Kultur Düsseldorf mit seiner Ausstellung „Deuscthland“ im NRW Forum

Düsseldorf, 2017-11-23 von [ hjn ]
An der Seite von Alain Bieber zieht Jan Böhmermann und seine Produktionsfirma BTF in die Museumslandschaft ein. Quasi.
Böhmermann (BTF), der immer wieder gerne in gewissen Kreisen mit einer quietschenden Gummipuppe verwechselt wird, gönnt sich diesen Exkurs. Die Assoziation (zu) „quietschen“ ist, angesichst der fahrigen NEO Auftritte und der nicht immer souveränen Haltung u.a. in der Erdohahn Affäre, denkbar – es fehlt doch hin und wieder an tragender Substanz und ausreichend filigran ausgestalteter Inhaltlichkeit – an kritisch freier Reflektion – einem diskursfähigen Geist – insbesondere eingedenk der Tatsache, dass sich Herr B. gerne respektlos gegenüber muslimisch erzogenen Mitmenschen zeigt.

Nicht nur das – es fehlt auch an positiv konstruktiven Signalen – an dem Aufzeigen von Alternativen – an initiierenden Hinweisen zur Aufnahme eines fair geführten und klärenden Diskurses. Kein Auf-Leuchten möglicher Problemlösungsalternativen – „just for fun“ ohne Sinn und Verstund; d.h. permanent massive „Quietschung ohne Message„. Dies mag noch erlaubt sein. Aber – oder besser insofern – wirken Boehmermanns Aktivitäten auch verdeckt populistisch – in Richtung seines naturgemäß weniger reflektierenden und wirkmächtigeren Teenager Publikums.
( Demgegenüber steht auf der ZDF Seite der Sportsmann, auch besser die „Sportskanone“ Oliver Welke, der es sich schon mal erlaubt, mögliche Alternativen aufzuzeigen – auch wenn dies nur zaghaft geschieht. Aber ausschließlich anzunehmen, es handle sich bei Herrn B. um einen Zappelphillipp, der sich gerne mit low-cost Satire schmückt und produziert – gerne andere verunsichert – sich selber aber nicht – wäre allerdings absolut gesehen auch falsch. )

Wie dem auch sei – Satire hin, Gumor her – der junge Mann aus dem offenen Bremen weiß die Prinzipien nutzbringender Ablenkung zu händeln und dabei mitunter zu vergessen, dass auch der Grenzen auslotende Satiriker – jedenfalls der, der medial aufgewertet in der Öffentlichkeit herumhantiert – ein Mindestmaß an Verantwortung trägt – und das seinem jungen Publikum und auch den FDP Fans gegenüber. Dass „die Familie seiner Mutter Anfang der siebziger Jahre von Polen nach Deutschland auswanderte und er mit 17 Jahren seinen Vater verlor“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Jan_B%C3%B6hmermann) ändert hieran nichts. Es könnte eher dazu rechtfertigen (bzw. auffordern), sich als Sozius hinter Yanis Varoufakis auf das Motorrad Varoufakis´sens zu setzen, um die große weite Welt zuer-fahren.

Der Event im NRW Forum hat zwei stringente Gewinner: einmal die marketingstarke BTF Produktionsgesellschaft und natürlich Alain Bieber, der konturenfrei und blessurenreich im Rankünen Getümmel um das „Photoweekend Düsseldorf“ Pluspunkte sammeln könnte. Ein rauschender Abend.

appended citation U.L.(11/24/2017): Hat Herr Böhmermann auch ins Programm aufgenommen, dass Wohnanlagen für Lernende an Universitäten jetzt STUDIERENDENWOHNHEIM genannt werden ? Selbst auf Stadtplänen ist das schon eingetragen. Sprachwissenschaftlich ist das ein kompletter Unsinn: Eine Gattung des sog. Substantivs zu berauben – und mit einem Gerundium zu ersetzen. Das ist gesteuerte Kommunikation per se.

further press: 24. November 2017 | 12.13 Uhr


Ausstellung in Düsseldorf

Verunsicherung ist Jan Böhmermanns Kunst
Der umstrittene TV-Satiriker Jan Böhmermann zeigt im Düsseldorfer NRW-Forum seine erste Ausstellung. Das Projekt soll die Gegenwart abbilden. Auch der Aufarbeitung des Eklats ums Erdogan-Gedicht wird Platz eingeräumt.

von Klas Libuda (RP)

Nun ist das Geheimnis um die Böhmermann-Schau gelüftet. Streng bewacht aber wird die Ausstellung immer noch. Im Eingang steht ein Kasten wie von der Bundespolizei. Passkontrolle. Deutsche Besucher links. Ausländer rechts.
Und wer meint, er sei schlau, stellt sich rechts an, weil die Schlange dort kürzer ist. Er wird weggeschickt. Bitte links anstellen, heißt es nach Begutachtung des Ausweises. Ganz im Ernst. „Deuscthland“ (sic!) heißt die Ausstellung, die penibel darauf achtet, wer reinkommt. Es ist das erste Projekt dieser Art von Jan Böhmermann und seiner Produktionsfirma, der Bild- und Tonfabrik. Schon vor der Tür des NRW-Forums wird man am Eröffnungstag kontrolliert: Leibesvisitation. Taschen öffnen.
Seit seinem Schmähgedicht auf den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan im vergangenen Jahr, das ihm mächtig Ärger einbrachte, geht Böhmermann auf Nummer sicher. Zu viel Öffentlichkeit meidet er, Interviews gibt er schon gar nicht. Im NRW-Forum hat er sogar ein Fotografier-Verbot durchgesetzt. Für einen, der sonst auf die Pressefreiheit pocht, ist das erstaunlich. … Die Exponate, betont er, wurden eigens geschaffen.
Dann verschwindet Jan Böhmermann durch den Notausgang.
http://www.rp-online.de/nrw/staedte/duesseldorf/kultur/boehmermann-ausstellung-in-duesseldorf-verunsicherung-ist-jans-kunst-aid-1.7222279

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29.03.2017 – Aki Takase | Alexander von Schlippenbach | Hinterhof – Birkenstr. 130

 

Aki Takase | Alexander von Schlippenbach | Hinterhof – Birkenstr. 130

Birkenstr. 130 – Filmwerkstatt Düsseldorf

tst-3    29.03.2017

Es war schon ein an- und beschaulicher Samstagabend am 27.03. – mit Aki Takase und Alexander von Schlippenbach in der Birkenstr. 47 als – parallel zur *Nacht der Museen* – dieser hochklassige Event im Hinterhof der Kultur Düsseldorf stattfand.

Zumal auch (aus der Hof-Nachbarschaft) der Originator der Sammlung Philara (Til Bronner) unter den Zusehern und -hörern zu finden war. Dies möglicherweise auch zur mentalen Unterstützung des in der Regel unsouverän wirkenden Managements (Wagner, Laumann usw.) der Filmwerkstatt Düsseldorf.

Der 1938 in Berlin geborene Alexander von Schlippenbach, der das Abitur am Gymnasium Kreuzgasse in Köln überstand und danach Komposition an der Hochschule für Musik bei Rudolf Petzold und Bernd Alois Zimmermann studierte, gilt wohl als einer der herausragenden gestaltenden Vertreter der deutschen Sektion “Freie Musik” – quasi frei – er selber neigt eher zum Konzeptionellen und (selbstredend) zur Komposition – obwohl er auch Theaterarbeit ‘machte’ – und das mit Sven-Åke Johansson.

[ in peace ]

Ein anvisiertes Ad-Hoc Gespräch ließ sich leider nicht realisieren – da er dann (d.h. kurz nach dem Konzert), möglicherweise bedingt durch schnödes Eigeninteresse der Veranstalter (Herr Wagner, Herr Laumann et.al.), im Geräteraum der Birkenstr. 47 verschwand und ein Lang-Gespräch mit schwerem Gerät führte – wohl auf der Suche nach dem richtigen Ladestock preussischer Prägung.

Auf die alten Tage doch noch ein professioneller (Film/Video)-Streifen – und das mit Langzeitwirkung, so dass keine Zeit für ein intensives Ad-Hoc Gespräch blieb – zumal Dr. Ursula Lytton, die anwesende und geschiedene Ehefrau von Paul Lytton, unter Zeitdruck schon in den Startlöchern saß. (Paul Lytton [ u.a. mit Evan Parker, Derek Bailey ], von dem gesagt wird, dass er im trauten Heim nicht nur mittags, sondern auch am frühen abend mindestens ein Drei-Gänge Menue erwartete – war leider nicht anwesend.)

Musikalisch dominant: Aki Takase – “Sie studierte Musik in Japan. Ab 1978 gab sie Konzerte und machte Aufnahmen in den USA mit Lester Bowie, David Liebman, Sheila Jordan, John Zorn und anderen. Seit 1987 lebt sie in Berlin.”

Gesponsert wurde der Event u.a. von der Düsseldorfer Konrad-Fischer Galerie (https://www.konradfischergalerie.de/e). Entsprechend und glücklicherweise war Herr Thomas Rieger anwesend. Der immer wieder erfrischende Herr Rieger, der seine DDR Aufzugszeit wohl überstanden zu haben scheint und nun gelassenen Schrittes das Rheinland durchschreitet, betreibt die wohl in D’f wichtigste Galerie – eben die Konrad-Fischer-Galerie.

Und das auch unter “Wagung” des Spagates zwischen dem Residenzstädtchen Düsseldorf und unserem großen Berlin. Es ist zu unterstellen, dass er es u.a. war, der den Kontakt anspann zum FMP (http://www.fmp-online.de/) – mit dem anwesenden, leicht ergrauten Herrn Klaus Müller, der mit sanfter, aber doch noch hörbarer Stimme seinen Vortrag zum Thema FMP hielt. Es macht schon Sinn, die FMP zu promoten. “FMP wurde 1969 von den Musikern Peter Brötzmann, Peter Kowald, Alexander von Schlippenbach und Jost Gebers, dem späteren Produzenten, gegründet und zunächst gemeinsam betrieben. Dahinter stand der Wunsch, als Musiker besser arbeiten zu können … “.

Die jungen Video- und Filmemacher im Geräteraum der Birkenstr. 47, die ihre Kreativität oftmals und gerne mit schwerem Gerät untermauern – d.h. professionelle Studiokameras und schwere Sattler Stative einsetzen – machen schon einen symphatischen Eindruck – auch wenn, bedingt durch die Schwere des benutzten Gerätes, immer wieder die Gefahr besteht, dass entsprechenderweise das Ergebnis eher statisch und schwerfällig ausfallen könnte.

Ein gelungener Event – kaum zu glauben, dass aus dem alten Muff der Birkenstr. 47 noch blühende Momente entstehen. Und das jenseits der Verherrlichung schweren Gerätes.

[ in peace ]

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17.03.2017 – Blut, Mysterium und Malerei – Hermann Nitsch – Der Wiener Aktionist in Düsseldorf

 

Blut, Mysterium und Malerei – Hermann Nitsch – Der Wiener Aktionist in Düsseldorf

Galerie Geuer & Geuer

ks    17.03.2017

Hermann Nitsch sitzt ganz in schwarz – wie immer – in seiner Düsseldorfer Schau vor einem seiner blutigen Werke, in der Galerie Geuer & Geuer Art. Auch heutzutage, in einer Zeit, in der längst alles tabuisiert erscheint, provoziert das Werk des Nestors der Wiener Aktionisten.

Er, der schon Ende der fünfziger Jahre sein Orgien Mysterien Theater konzipiert hat, gilt immer noch als Schockkünstler oder Blasphemist, bisweilen wird er nach wie vor als Tierquäler diffamiert. „Ich liebe Tiere über alles“, sagt er über diese Vorwürfe und erwähnt seinen kleinen Zoo zu Hause, eine Unzahl von Hühnern, Katzen, Hunden und weiterem Getier.

Das Orgien Mysterien Theater besteht aus Inszenierungen realer Art. Die Aktionen mit Nackten, Tierfleisch und Schweineblut erschütterten die Öffentlichkeit. In der Schlagzeilenpresse wird Hermann Nitsch oft als Oberhaupt einer blutrünstigen Gemeinde tituliert. Er selbst macht keinen Hehl aus der Tatsache, dass eine Fleisch essende Gesellschaft die Schlachtung von Tieren billigend in Kauf nimmt.

Hermann Nitsch ist 1938 in Wien geboten, von 1989 bis 2003 war er Professor an der Frankfurter Städelschule. Seit über 50 Jahren hat Nitsch – keine Zweifel – den Kunstbegriff erweitert. Malerei, Musik, Theater – er verbindet vermeintlich unterschiedlichste Disziplinen und führt sie zur Allianz. Es geht dem Künstler keinesfalls um billige Effekte oder leichtfertige Provokationen: Im Gegenteil. Sein Orgien Mysterien Theater besteht aus Inszenierungen realer Handlungen. Der im Spannungsfeld von christlicher Liturgie und griechischer Mythologie kompromißlose Nitsch will als religiöser Mensch gesehen werden und seine Tierliebe ist in Freundeskreisen bekannt.

Das Gesamtkunstwerk von Hermann Nitsch, die aktionistische Praxis, polarisiert heute wie einst. „Man ist für oder gegen ihn“.

„Blut, Mysterien und Malerei“ heisst die Ausstellung, die in der Galerie Geuer zu sehen ist. Dickpastige Farbe, meist Rot, rinnt die Leinwand hinab. Im Hintergrund ereignet sich das gleiche in Dunkelbraun. Das bedeutet: Nitsch hat statt Farbe Blut verwandt. In Großformaten bezieht er gern das Hemd ein, das er bei der Arbeit getragen hat. Es klebt rot übermalt auf der Leinwand. Kunst und Künstler, so lautet die Botschaft, sind eins.

So hat Nitsch, der als Bühnenbildner und Opernregisseur für die Wiener Staatsoper und das Wiener Burgtheater tätig war, den Regisseur Christoph Schlingensief und die Künstlerin Marina Abramovic nachhaltig beeinflusst.

Was wünscht sich der Aktionskünstler Hermann Nitsch zu seinem 80. Geburtstag? „Noch ein sehr intensives Leben im Zusammenhang mit der Entwicklung meiner Kunst“. Und: Rund um seinen 80. Geburtstag will Hermann Nitsch erneut ein Sechs-Tage-Spiel inszenieren auf seinem geliebten Schloss Prinzendorf in Niederösterreich – am liebsten mit 500 Mitwirkenden – wie ehedem.

Auch nach seinem Tod sollen die immer neu zu steigernden Spiele – nach dem Willen des Künstlers- ausgeführt werden.

Dass Nitsch längst zu den Großen der europäischen Nachkriegskunst gehört, ist unbestritten.

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12.11.2016 – Schauspielhaus Düsseldorf – Podiumsdiskussion – Unklarheiten um Schließung und Sanierung

 

Schauspielhaus Düsseldorf – Podiumsdiskussion – Unklarheiten um Schließung und Sanierung

Undurchsichtige Zeitplanung – Stand der Dinge – Fragment 1 / Central Worringerstr.

hjn    12.11.2016

(Versuch eines vorläufigen Kommentars und skizzenhafte Wiedergabe des Diskussions- und Aktionsverlaufes )

Zu einer Podiumsdiskussion lud der Intendant des Schauspielhaus Düsseldorf, Wilfried Schulz, die Herren Michael Köhler (WDR, Moderation), OB Thomas Geisel, Architekt Christoph Ingenhoven und Bernd Neuendorf (NRW Ministerium) in die derzeitige Ausweichstätte des Schauspielhauses (Central an der Worringerstr) ein.

Dieser erste (fragmentarische) Beitrag gibt die erste Phase der Podiumsdiskussion wieder, in der die grundlegenden Fakten und Aspekte benannt wurden, die den derzeitigen Stand der Dinge umfassen. Da Anlass besteht, die Problematik übergreifend zu behandeln und auf das Geschehen im Düsseldorfer Kulturbetrieb insgesamt zu beziehen macht es Sinn, über die Ergebnisse der Podiumsdiskussion umfassend und lohnend in mindestens 3 Artikeln zu berichten.

Läßt sich der Stand der Dinge schon jetzt kommentieren ?

Wohl aus Sicht des Intendanten wurde diese Podiumsdiskussion notwendig, da die öffentliche Debatte um die vorübergehende Schließung des Schauspielhauses am Gustav-Gründgens-Platzes durch kolportierte in verschiedenen Medien veröffentlichte Interpretationen von “Denkvorstössen” des Düsseldorfer OBs hinsichtlich eines möglichen Abrisses und einhergehenden Neubaus an anderem Ort nicht nur an Spannung gewann, sondern auch zu Irritationen in der Öffentlichkeit führte.

Die vorgegebene Problematik mag komplex erscheinen: das Düsseldorfer Schauspielhaus (1971 eröffnet, Grundsteinlegung 1965, damalige Kosten ca. 40 Millionen DM, “Ikone der Architektur“) wird in der ersten Phase saniert (“technische Innensanierung”, “Basis-Sanierung“), die zweite Phase der “Außensanierung” steht noch an (resp. ist Diskussions / Entscheidungsgegenstand in den jeweiligen Gremien) und zugleich soll die Umsetzung der Planung des Koe-Bogens 2 starten – ein umfassendes städtebauliches Projekt, welches nach Abschluss des Kö-Bogens 1 ( Verweis Kö-Bogen 1 ) zentrale stadt-räumliche Situation am Ende der Königsallee und der Schadowstr (Verweis Ingenvoven ) neu gestalten wird.

Der eifrig, emsig und zirkelnd wirkende neue Intendant des Düsseldorfer Schauspielhauses, Wilfried Schulz (angereist aus Dresden: Verweis Schulz ), sieht sich nun in einer prekären Situation gefordert, die für ihn gekennzeichnet ist duch

  • eine fehlende Haupt-Spielstätte, eben dem Schauspielhaus,
  • einer Ausweichspielstätte, die mehr eine Probe- und Experimentierbühne darstellt – und –
  • wohl das Wesentliche: währenden Unwägbarkeiten und Unsicherheiten

in der weiteren team-bildenden und -haltenden Planung, der weiteren allgemeinen Organisation, des weiteren operativen Bühnengeschehens, der weiteren Planung und Aufrechterhaltung der Spielzeit etc. etc.

Es hat den Anschein, er setze entsprechend seinem selbstgesteckten Ziel – der Umsetzung eines “bürgernahen Sprechtheaters” – eben dem/der “Bürgertheater/bühne” – auch auf Transparenz und Öffentlichkeits(mit)wirkung. Insofern ist zu verstehen, dass er eine Podiumsdiskussion bemüht, um den Versuch zu unternehmen, Klarheit in die bestehende Situation zu bringen und die Öffentlichkeit zum einen zu informieren und zum anderen möglicherweise in der Auseinandersetzung mit den im Gesamtprozess involvierten Partnern, Entscheidunsgträgern und Mitwirkenden lösungsorientierte Ansätze zu diskutieren – zumindest zu präsentieren – d.h. so wie er sagt: den offenen “freien Diskurs” zu führen.

Mögliche Folgerung … und wie es weitergeht

Wie dem auch sein – bei dem Projekt Düsseldorfer Schauspielhaus in Kopplung mit dem Projekt Kö-Bogen 2 handelt es sich nicht um ein Stadtbezirksprojekt preiswerter Klasse. Es geht hier um mehr – es sind Dimensionen, die das Haushalts-Budget einer deutschen mittelgroßen Stadt duchaus sprengen können / könnten – auch wenn das jeweilige Bundesland (in dem Falle NRW) als finanztechnischer Absicherer, Beteiligter und Mitwirker zur Seite steht. Die Kulturstadt Düsseldorf greift ein solches Projekt großer Dimension auf – Kultur (das Schauspielhaus) wird verbunden (über die städtebauliche Integration) mit einem großen konsumorientierten Projekt (eben dem Kö-Bogen 2) – dies zieht komplex verzweigte Finanz-Strömungen, -Abhängigkeiten und -Verantwortlichkeiten nach und mit sich – und diese wiederum taktisch strategiebedingte Aktionen der Beteiligten auf höherem politischem bzw. wirtschaftlich materiellem Niveau. Die immer wieder denkbare Frage wäre nur, wer in diesem komplexen Verbund und Gemisch aus marktwirtschaftlich wirkendem Investitions-Interesse und Kommunal-, Kultur- und Landespolitik instrumentalisiert werden kann – und das an seinem eigenen Interesse vorbei.

( Der erste Bewegtbild-Beitrag (von dreien) liefert vorerst den Stand der Dinge bzgl. der bestehenden Schließung / Sanierung der Architektur-Ikone Schauspielhaus und deutet die Kopplung zum Kö-Bogen-Projekt an. Die komplexe Problematik und insbesondere die Erörterung der Wechselwirkungen zwischen kultur- und kommunalpolitischem Handeln auf der einen und marktwirtschaftlichem Agieren auf der andern Seite erfordert die lohnende Abhandlung in Form von mindesten drei Beiträgen. )

Die Protagonisten … wie sie wirken und was sie sagen (in der ersten Diskussionsphase)

Der Moderator Michael Köhler wirkte in seiner Moderation immer wieder mal andeutungsweise anzüglich und tendenziös, insbesondere in den Fragen an OB Geisel – dies mag unter Entertainment-Gesichtspunkten und zur Belustigung der geladenen Gäste gerechtfertigt sein – erscheint aber im sachlich aufgezeigten Kontext als unnötig – ein mit Mehrheit gewählter OB muss nicht vorgeführt werden, nur weil er städtische Finanzierungen größeren Ausmaßes in einer öffentlichen Debatte diskutiert sehen will.

OB Thomas Geisel versuchte hier zu parieren – es konnte endgültig noch nicht beurteilt werden, ob ihn mehr das Tendenziöse in den Fragestellungen oder der sachliche Inhalt irritierte. Jedenfalls “räumte” er genervt gleich zu Beginn das “Aufregerthema“, er wäre für einen Abriß des Schauspielhauses, “vom Tisch”.
Er bezeichnete das Schauspielhaus als einen “städtebaulichen Leuchturm“, den es zu erhalten gelte.

Architekt Ingenhoven blieb vorerst angemessen sachlich und trug zur Aufklärung einiger Detailfragen bei. Er erläuterte das duchaus “große” Werk des Schauspielhaus-Architekten Pfau – dessen Werk er im Gegensatz zu der herkömmlichen Nachkriegsarchitektur als herausragend bezeichnete: Das “Schauspielhaus als Repräsentant einer herausragenden Nachkriegsarchitektur” – es handele sich gegenüber der konventionellen Architektur um eine “vorsichtigere, tastendere, amorphere Architektur – eine sich bewußt um ein demokratisch architektonisches Verständnis bemühende Architektur”.

Staatssekretär Bernd Neuendorf erklärte, dass für ihn die “Denkvorstösse” des OBs “überraschend” waren, die Sachlage aber in nachgelagerten Gesprächen geklärt werden konnte. Er verwies darauf, dass man sich schon vor einem Jahr auf einen “5 Punkte Plan” geeinigt hätte, und das dieser Plan den Bestand des Schauspielhauses vorsähe. Die erste Sanierungsphase würde von der Landesregierung mitgetragen.

Verwiesen wird an dieser Stelle auf den Beitrag Fragment 2, in welchem versucht wird, u.a. intensiv auf die Fehlplanungen zur Architektur-Ikone Schaupielhaus Düsseldorf einzugehen, was die Verkehrung angeht, das Schaupielhaus nach hinten, d.h. zur (später nicht verlängerten) Goldsteinstr. und zum Hofgarten hin zu öffnen und es auf Grund städtebaulicher Verquerungen zu einer Öffnung in die falsche Richtung kam.

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17.03.2016 – Markus Lüpertz – Götz Adriani – Walter Smerling – Georg Hornemann

 

Markus Lüpertz – Götz Adriani – Walter Smerling – Georg Hornemann

Kunst die im Wege steht – Museum Küppersmühle

tst-3    07.03.2016

Markus Lüpertz, Götz Adriani, Walter Smerling bestritten im Museum Küppersmühle die Pressekonferenz zur aktuellen Einzelausstellung des Groß-Meisters mit dem Titel „Kunst, die im Wege steht“.
Meister Lüpertz war nicht nur in bester Laune, sondern brachte eine performative Glanzleistung – kraftvoll, charmant, wie immer redegewandt und überzeugend in der Darstellung seiner Vorstellungen von bildender Kunst und von sich selbst. Es funkelte und zischte als er mit sprühendem Elan zum Einen die von dem schmallippigen und 79 Jahre alten Götz Adriani kuratierte ( Lüpertz-) Show inhaltlich ausornamentierte und zum Anderen die nicht immer glücklich gestellten Fragen ausparierte. Er wirkte zurecht beseelt von sich und seinem hier anteilig gezeigten Werk.

Gezeigt werden die „Schlüsselwerke“ der Sammlung Ströher. [ Unerwähnt blieb in der Pressekonferenz, dass die bestehende Sammlung aus einer Zusammenführung der ehemaligen Sammlung von Hans Grothe ( Schwerpunkt Malerei 70er – 90er Jahre ) und der Sammlung von Sylvia und Ulrich Ströher (Schwerpunkt informelle Malerei ) entstanden ist ].

Auch in der Sachdiskussion konnte Markus Lüpertz dank seiner nord-böhmischen Rethorik, seines Durchhalte- und Durchsetzungswillens und seiner charmanten Gewandtheit glänzen – in der Form brillierte er in maßgeschneiderter Nadelstreifenhose und ebensolcher Krawatte – zusätzlich ausgestattet mit goldenem Schmuck und Accessoires des Düsseldorfer Juweliers und Goldschmieds Georg Hornemann. Auch wenn es nicht ( jedem ) auffiel, dass er sich gerne in der permutativ und assoziativ vollzogenen Verknüpfung von Tautologien und inherenten Paradoxien verlor, spiegelt und / oder gründet sich der Lüpertz“sche Genius in einem spielerisch gelebten Eklektizismus, der bezeichnend ist / war für die aufkommenden und eifrigen Künstler der 70er und 80er.
Er ist – unter einigen wenigen – wohl der letzte „große“ und prägnanteste Künstler, der die „im Geiste“ freien Jahrzehnte 70 und 80 repräsentiert. Und hier ging ja das Eklektische, das sich gegenseitig Befruchtende und das aus dem Kalkül heraus vollzogene Entlehen nicht-eigener Ideen ineinander über. Es ist anzunehmen, dass Markus Lüpertz wohl ein Produkt dieser Jahrzehnte ist – und nicht der 60er.

Wie dem auch sei – ein guter, großer Künstler hat nicht ausschließlich die Aufgabe mit profil-genauer analytischen Schärfe das ( gesellschaftliche ) Geschehen abzubilden – gute Künstler bereichern ( ! ) durch ihr Dasein das Geschehen – so wie Markus Lüpertz als Bereicherung des kulturellen Gefüges wirkt und wohl schon immer gewirkt hat – insbesondere in seiner Funktion als Rektor der Kunstakademie Düsseldorf.
Insofern scheint es nicht erheblich, dass er mit der Überbewertung der „bildenden Kunst“ hinsichtlich ihrer gesellschaftspolitischen Wirksamkeit wohl objektiv falsch liegt. Ist es doch gerade z.T. das Fehlen bzw. Manko an klaren, eindeutigen Leistungskriterien im Bereich der bildenden Kunst, dass es solchen Persöhnlichkeiten die Möglichkeit bietet, zu brillieren, zu glänzen, zu unterhalten, zu blühen und zu strömen.

Markus Lüpertz bereichert die Welt – er ist der Prototyp des „Bereicherers„. Und somit rechtfertigt sich auch die der Lüpertz“schen Argumentation innewohnenden „Schelmigkeit“ – die ohne Frage „böhmsche“ Anteile trägt.

Demgegenüber wirkte – wie schon angemerkt – der Kurator der Ausstellung, Götz Adriani (79), etwas blass. Setzt man ihn relativ, so machte er den Eindruck eines „wankenden Leichtmatrosen“ auf dünnem Eis – d.h. in der interaktiv vollzogenen Argumentation dünn – als befände er sich auf der Flucht.

Walter Smerling hingegen glänzte durchaus solide – er trug seinen Text blackoutfrei vor – so wie es sich für einen Museumsleiter gehört – souverän, nüchtern, sachlich – aus der inhaltlichen und fomellen Mitte heraus. Gemessen an einigen in „beseelter“ Hausfrauenmanier geführten Museen und Kunstsammlungen in NRW gewinnt Walter Smerling durchaus an Farbe und Profil.

Pressespiegel

Markus Lüpertz stellt in Duisburg aus: Rache am Banalen
Duisburg. Der große Auftritt ist ihm zu eigen. Neulich, so erzählte Markus Lüpertz gestern im Duisburger Museum Küppersmühle für Moderne Kunst (MKM), sei er Erster Klasse geflogen. Da habe eine Stewardess zu ihm gesagt, dass sie in ihren 20 Dienstjahren noch niemals zuvor einen so elegant gekleideten Herrn im Flugzeug, wohlgemerkt in der Ersten Klasse, gesehen habe. Da habe er sich umgeschaut und gedacht: „Sie hat wohl recht!“ Es ist unterhaltsam, Markus Lüpertz zuzuhören. Da mischt sich Banales mit Philosophischem, da folgt auf den ironischen Plauderton der eine oder andere kunsthistorische Exkurs. Lüpertz ist ein Original und ein Repräsentant der deutschen Gegenwartskunst.

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12.03.2016 – Song Dong – Kunsthalle Duesseldorf Kultur – Behutsame Subversion

 

Song Dong – Kunsthalle Duesseldorf Kultur – Behutsame Subversion

Kunsthalle Düsseldorf – 12. März 2016

Vera Kriebel    16.03.2016

Am Eingang eine Polizeiarmee. Ist das hier politisch? Drinnen schöne lebensgroße Fotos, in denen der Künstler die chinesische Erde küsst und wie Neptun im Wasser steht. Ist das poetisch? In der Halle als Hauptwerk ein Sammelsurium der Entrümpelung aus Mutters Haus. Banalitäten als Kunst ?

Song Dong: Fremd und nah zugleich
Er ist auf dem internationalen Kunstmarkt einer der erfolgreichsten Chinesen. Seine Werke sind publikumswirksam, manchmal poetisch, oft mit einem gefälligen Touch, erschrecken oder provozieren nicht wirklich. Auf den ersten Blick ist der Besucher enttäuscht. Das alles wirkt so banal, hübsch drapiert. Er gefällt, man kann es nicht anders sagen. Seine Werke handeln von ihm und seiner Familie und seiner Stadt und seinem Land. Man ist versucht zu schreiben: kleinbürgerliche Kunst des 21. Jahrhunderts.

Song Dong: Wir essen die Welt
Da ist die Landkarte aus Bonbons, da sind der sorgfältig sortierte Hausrat seiner Mutter, die gewissenhaft gesammelten Hausschilder, die einfühlsamen Annäherungsversuche an seinen Vater über Videoinstallationen, seine Polizisten-Konterfeis, die Papierstapel seiner Tagebucheintragungen, die Bretterbuden, die kraftvollen Fotos seiner Wasserstempel-Performance und die sehr poetischen Bilder vom Tianmen-Platz, die Video-Fahrradfahrt durch Bejing, der Boden voller Holzsitze und Steine, auf die wir Besucher uns flüchtig mit Wasser verewigen können.
Auf den zweiten Blick ist das alles aber nicht nur viel subversiver, als zunächst gedacht. Die heimeligen Installationen führen in ungeahnte Tiefen. Da ist das Chinesische, das Traditionelle, das Gehorsame, da ist zugleich auch das, was wir Menschen alle tun und getan haben, was uns alle berührt.

Breathing – Nachrichten aus Wasser
Chinesen üben Kalligraphie, indem sie draußen, im Park, auf der Straße, chinesische Schriftzeichen auf den Boden pinseln, mit Wasser. Das gab die Anregung zu „Metal, Wood, Water, Fire, Earth„, eine Installation, die der (meiner Meinung nach schöneren, ausdrucksstärkeren) im DKM Duisburg „Write your Message with Water“ gleicht. Die flüchtigen Nachrichten sind in sich subversiv, sind sie dem (Überwachungs-) Staat doch nur schwer zugänglich.
Ähnlich doppelbödig auch die Dokumentation zum Tianmen-Platz. Oder zum Einfluss, zur Wirkung, den der Einzelne hat. Zum Abdruck, den er hinterlässt. „Breathing“ (1996) ist 2-teilig: 40 Minuten be-atmet (nicht: küsst, wie man zuerst meint) Song Dong den gefrorenen Boden des Tianmen-Platz, bis sich ein Eisfleck bildet. Im zweiten Teil schafft sein Atem kein

Ein chinesische Erde küssender Chinese, eigentlich harmlos, selbst auf dem Tianmen. Tianmen, 1989, das hat diese Generation geprägt, Vorher war alles Aufbruch, danach zog man sich zurück. Manche wie Ai Weiwei, Wang Gongxin und Lin Tianmiao gingen schon vorher dorthin, wo sie sich freier zu fühlten meinten, in die USA. „Es gab keinen, der nicht betroffen war, wir alle waren betroffen, waren Teil der Tianmen-Bewegung.“ Song Dong hatte klassische Malerei studiert, danach war es nicht mehr möglich, einfach chinesisch zu malen.

Doorplate – Landfraß
Unser Raubbau an der Welt. Andererseits Kunst harmlos und als Event: Essen ist wichtig in der chinesischen Kultur. Essen als intellektuelles und haptischen Erlebnis.
Mutter Erde. Der Vater in uns – Touching my Father. Waste not. Die Mutter ist die Sammlerin, die Hüterin des Hauses und des Familienschatzes. Nichts wird verschwendet, weggeworfen. Das ist keine Wegwerfgesellschaft. Hier wird obsessiv aufgehoben und bewahrt. „Waste not“ gilt als Hauptwerk von Song Dong.
Die chinesischen Polizisten, geballt am Eingang der Kunsthalle und verteilt im Gebäude, sind bedrohlich und Hüter der Ordnung (welcher?). Und sie sind Konterfeis von Song, sind die Abbilder des „Polizisten in seinem Inneren“. Zwei Säle nähern sich dem Vater, diesem universalen Vertreter der Hierarchie, des Patriarchats, der Obrigkeit, des Verdrängens, der Distanz.

Song schafft mit seiner Kunst, die vorsichtige Annäherung an den unnahbaren Vater, Song hat seinen Vater zum ersten Mal berührt, als er tot war. Als sein Vater todkrank war, im Sterben lag, näherte er sich ihm mit einer Videoprojektion: Eine Hand tastet über den Vater. Dieser Film läuft in den Museen der Welt, in der Kunsthalle. Es gibt auch Videos, die das Sterben des Vaters dokumentieren, die nicht zu sehen sind. Sie liegen in einer Vitrine. Weit weg und doch ganz nah. Noch ein „Brief an den Vater„. Und das ist es wohl, weswegen Song Dong so erfolgreich ist: Er spricht auf eine – für uns – sehr chinesische Art und Weise westliche oder sogar universale Erfahrungen und Sehnsüchte an.

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15.05.2015 – Glaskasten Marl: China 8 – Die angehaltene Zeit. Video und Sound

 

Glaskasten Marl: China 8 – Die angehaltene Zeit. Video und Sound

China 8 Glaskasten Marl Yi Lian Georg Elben Yang Zhenzhong | Wang Gongxin Yang Yongliang

vera kriebel    15.05.2015

9 Ausstellungen in 8 Städten: Duisburg, Düsseldorf, Marl, Mülheim, Recklinghausen, Hagen, Gelsenkirchen, Essen.
Die China8 will alles. Oder fast alles.

China 8 im Glaskasten Marl: Videoinstallationen
Aber zunächst zum Abwegigen, zu dem, wohin man eigentlich nie geht, weil das alles so verkopfte und zugleich nervtötend bauchlastige Kunstkunst ist. Videokunst. Und dann noch wortwörtlich abwegig: In Marl, das am Rand liegt, am Rand des Ruhrgebiets und des Münsterlands, und de facto einfach ein verkopftes Kunstkonglomerat aus allem ist, was die Ruhrgebietsstädteplanung an absurden Hässlichkeiten seit 1960 hervorgebracht hat. Aber diesmal muss man hin nach Marl, denn dort gibt es neben dem sicherlich unterhaltsamsten Kurator auch mindestens zwei Kunstwerke, die weltweit ihresgleichen suchen dürften.

Wang Gongxin: Still Life
Still Life No. 1-7 (2012) von Wang Gongxin – eine Serie technisch perfekter zerbrochener Stillleben, von denen einige auf den ersten Blick an die alten niederländischen Meister erinnern. Ein Totenkopf hinten, ein Wabengeflecht vorne. Still, bis auf die Bienen, die sich daraus unendlich und verzweifelt und erfolglos zu befreien versuchen. Eine Glühbirne hängt über einem glitzernden Wabengeflecht, ein Berg Seifenblasen, der nach und nach zerplatzt, ein Insekt freigibt, das über seine langen Fühler – diese Anthropomorphismen drängen sich bei Wang Gongxin auf – verunsichert die Umgebung erkundet, während die Seifenblasen sich über der Seife wieder aufzubauen beginnen. Dunkelheit, der Lichtstrahl fällt auf die breite Schneide eines Messers, die Spitze nach unten, während um die Scheide eine Libelle zwirbelt. Mit quälender Langsamkeit stakst eine Gottesanbeterin ins Bild unter einer von oben herab hängenden zerknitterten Folie.
Chinesische Sinnbilder für die Vergeblichkeit unermüdlichen Strebens, die Beharrlichkeit der Langsamkeit, die Sinnlosigkeit des Bemühens, die geheimnisvolle Schönheit der Natur, den unüberbrückbaren Graben zwischen Natur und Kultur.

Yi Lian
Ein ganzer Raum für die drei Filmprojektionen des jüngsten Künstlers der China8: Yi Lian. Wunderbare Märchenlandschaften, die sich in Albträume verwandeln. Heiße Quellen in der Nacht, ein Hund schwimmt Äpfeln hinterher, eine Froschleiche streckt sich rücklings unterwasser. Eine idyllische hüglige Weidelandschaft mit Schafen, durch die sich ein menschlicher Tausendfüßler schlängelt, Krähen auf Ästen im lockeren Wald, darin Frauen Gefangene in Glasschaukästen. Nackte, spielende Jungen in einem sumpfigen Teich, beobachtet von hinten. Von vorne scheinen ihre Köpfe aber merkwürdig alienhaft, die Münder wie im Schrei geöffnet.
Die eigentlich eigenständigen Filme spielen in diesem Raum im Glaskasten Marl zusammen und ergänzen sich. Und auch wenn sie noch so westlich wirken: Es sind chinesische Märchen, die sie erzählen. Chinesische Albträume.

Die angehaltene Zeit. Video und Sound.
Das dritte Alleinstellungsmerkmal des Glaskastens Marl im Rahmen von China8 ist der Kurator Georg Elben, seit 2011 Direktor des Marler Kunstmuseums, dessen Schwerpunkte Video, Sound und Skulptur (ein sehr schöner Skulpturenpark umgibt und zieht sich durch das Ensemble der Stadtverwaltung Marl) sind. Untergebracht ist das Museum in Erdgeschoss und Keller eines modernen Betonverwaltungsbunkers, der die gläserne Außenhülle de facto verdeckt, so dass ein Glaskasten eher auf dem Reißbrett erkennbar ist.
Mosaikfliesen in 70er-Jahre-Farben zieren die Wände, alles wirkt etwas abgegriffen und schmuddelig, draußen vor den Glasfassaden stehen Männergrüppchen beim bierseligen Palaver, auf der Standuhr im – wie sollte es anders sein – trockenen Brunnen draußen auf dem Platz ist es permanent 5 vor 12. Georg Elben hat es definitiv nicht leicht im Leben. Aber das hat ihm nicht die Begeisterung für seine Video- und Sound-Kunstwerke genommen. Im Gegenteil: Eine Führung von Elben durch seinen China8-Parcour ist ein Insidertipp.

Man muss dabei nicht immer der Meinung Elbens sein, z.B. wenn es um das Video „Exam“ (2012) von Yang Zhenzhong geht, das zwei kleine Mädchen beim fleißigen Repetieren für eine Prüfung zeigt. Sie lernen stumpfsinnig kommunistische Weisheiten zum Sinn und Zweck der proletarischen Revolution auswendig, „was man ja auch als Kritik am System deuten kann“ (Elben). Wenn die beiden Schulmädchen nicht beim Lernen dekorativ in knappen blütenreinen Dessous auf dem Bett posieren und sich rekeln würden.

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10.04.2015 – Museum Folkwang and Tate Modern Conflict, Time, Photography

 

Museum Folkwang and Tate Modern Conflict, Time, Photography

by Tate Modern in Museum Folkwang Essen

vera kriebel    10.04.2015

Es ist endlich Frühling! Blauer Himmel, Sonnenschein, Temperaturen so deutlich über Null, dass die Rheinwiesen heute der richtige Ort sind.
Im Posteingang droht stattdessen die Einladung des Museum Folkwang zur neuen Ausstellung Conflict, Time, Photography. Kriegsfotografie. Keine „Geschichte der Kriegsfotografie“, wie man in der Pressemitteilung betont. Aber das macht es auch nicht besser. Verstümmelte Leiber, moralinsaure, der Sozialdemokratie verpflichtete Ruhrgebiets-Ausstellungsmache oder – immerhin mischt die Tate Modern mit – Entlarvung des Bilderkrieges als Mittel der Kriegführung, der Fotograf als Propagandist der Foto-Waffe. Wer will schon an so einem Frühlingstag in eine solch düstere, negative Schau gehen?
Um gleich den Zeigefinger, den die Ausstellung nur kaum merklich erhebt, an dieser Stelle zu strecken: Man sollte wollen, die Ausstellung ist einer der Höhepunkte in 2015.

Fotografiert wurden die Wolke über Hiroshima Sekunden später, Dresden 7 Monate später, Nagasaki 18 Jahre später. Verändert sich die Bilddokumentation von Krieg, wenn Zeit dazwischen liegt? Dokumentiert wird nicht nur „direkt“, das wird im Essener Folkwang-Museum klar. Dokumentar-Fotografieren bedeutet „Augenzeugenschaft – Spurensuche – Bestandsaufnahme – Erinnerungsarbeit – Künstlerische Lesarten des Archivs – Rückkehr zu den Orten – Suggestion des Unsichtbaren“ (Website Folkwang).

Doch eigentlich geht es in der neuen Ausstellung Conflict, Time, Photography im Museum Folkwang in Essen gar nicht so sehr um die Zeit, die zwischen Foto und dem Konflikt liegt, auch wenn die oberflächlich den Ton anzugeben scheint, denn die Werke sind danach geordnet. Es geht vielmehr um anderes:
Gibt es Kriegsdokumentation in Fotos überhaupt? Spätestens seit dem Irakkrieg 1992, in dessen Gefolge deutlich wurde, dass die journalistische und fotografische Dokumentation durch das amerikanische Militär gesteuert und die Szenen und Bilder inszeniert worden waren, ist man sich da nicht mehr sicher. Dass der Irakkrieg in dieser Beziehung nichts Neues oder Ungewöhnliches hervorgebracht hat, wusste man ja irgendwie, in der Folkwang-Schau wird das aber wirklich klar und deutlich: Die verschiedene Art dieses Etwas, diesen grausamen Krieg, diese Kriege, zu verarbeiten, gibt das Prinzip der Ausstellung vor.

Es gibt eine – und das erstaunt dann doch – unerschöpfliche Vielfalt von Herangehensweisen: Künstler, die in ihren Fotos dem Krieg eine schaurige und schöne Ästhetik andichten (und plötzlich man erinnert sich: Ja, sicher, der Pilz über Hiroshima, auch wenn dieser hier in Essen nicht vorkommt). Hervorzuheben (und dies durchaus mit einigem Unwohlsein) ist hier Sophie Ristelhuebers Fait. Wundersam gezogene und gesponnene Linien und Netze der Kriegsgräben des Ersten Golfkrieges, die sie 7 Monate später im Oktober 1991 fotografiert und denen man den Krieg auf den ersten Blick nicht ansieht, wären da nicht zum Beispiel an einigen wie inszeniert hingeworfene Granaten drapiert. Säuberlich drapiert liegen auch die Kanonenkugeln auf Roger Fentons 2 Monate nach dem Gefecht fotografierte Schlachtfeld des Krimkrieges 1853-1856 in der öden Landschaft. (The Valley of the Shadow of Death):
Mit dem Good Friday Agreement, dem Karfreitagsabkommen, gilt der Nordirland-Konflikt als beendet. Adam Broomberg und Oliver Chanarin stellen 13 Jahre danach eine Wand mit Fotos zusammen, die sich mit dem Nordirland-Konflikt beschäftigen. Genauer: Mit Ausschnitten von Fotos aus einem Archiv über das Leben in Belfast seit den 1960er. Noch genauer: Ausschnitte, die von bunten Punkten überdeckt wurden, mit denen Forschern bestimmte Seiten und Fotos markiert hatten. (People in Trouble Laughing Pushed to the Ground)
Taryn Simon, der schon 2013 eine eigene Ausstellung im Folkwang gewidmet war, zeigt, was der Völkermord von Srebrenica mit einer Familie macht oder die Nazis und der 2. Weltkrieg mit der Familie von Hans Frank, dem Rechtsbeistand Hitlers und Generalgouverneur des besetzten Polens: Leere Bilder in den Familienportraits, wo eigentlich Söhne, Schwestern, Tanten, Väter sein müssten. Oder das verstümmelte Portrait des Getöteten, die Überreste der Ermordeten: ein Zahn, ein Knochenstück, ein Hemd, ein Jacket. (A Living Man Declared Dead and Other Chapters I – XVIII )

Eine große Ausstellung.
Apr – Jul 2015

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16.03.2015 – Helge Achenbach – Urteil – zu einseitig und/oder ein Fehler in der Bemessensgrundlage ??

 

Helge Achenbach – Urteil – zu einseitig und/oder ein Fehler in der Bemessensgrundlage ??

Urteil am Landgericht Essen – Versuch eines vorläufigen Kommentars

tst-3    16.03.2015

Am sonnigen frühlingshaften Montag, den 16.03.2015, wurde das Urteil gegen Helge Achenbach gesprochen – nun auch im strafrechtlichen Kontext. Im Landgericht Essen verkündete um 11:00 Uhr der Vorsitzende Richter Johannes Hidding das Urteil: 6 Jahre ohne Bewährung. Die von ihm mündlich vorgetragene Urteils-Begründung (leider unverstärkt und akustisch nicht immer deutlich) folgt im wesentlichen dem Vortrag der Staatsanwaltschaft und fußte ebenfalls (etwas zu offensichtlich) auf der Zeugenaussage Babette Albrechts, der Ehefau des verstorbenen Berthold Albrecht.

Das (allgemein als zu hoch empfundene) Strafmaß wurde mit der (absolut angesetzten) hohen Betrugssumme von ca. 20 Millionen Euro begründet (Summe aus > 10 Betrugsfällen) und dass erschwerend hinzukäme, dass Helge Achenbach über Jahre hinweg das (intensive) Vertrauensverhältnis zwischen ihm und dem (längere Zeit vor seinem Tod schon schwer erkrankten) Berthold Albrecht ausgenutzt hätte. Und dass Helge Achenbach dieses Vertrauensverhältnis gerade mit der Intention des von ihm geplanten Betruges initiiert hätte. Insofern gründet die Strafzumessung im wesentlichen u.a. auf

  • a) die Höhe der Betrugssumme und
  • b) der Zeugenaussage Babette Albrechts.

Hier stellt sich konkret die Frage nach der Bemessungsgrundlage (für die Strafzumessung) und nach der (möglicherweise einseitig erscheinenden) Emphasierung der Zeugenaussage Babette Albrechts. Der Versuch eines Kommentares mag hier erlaubt sein .

Der bleibende schale Geschmack

Auch wenn die Sonne schien an diesem Montag in Essen bleibt bei einem objektiven Beobachter doch etwas Schales zurück – setzt er sich doch nochmal mit dem Urteil, insbesondere der Strafzumessung und der richterlichen Begründung auseinander. Der schale Geschmack kündigte sich schon in den Wochen nach dem 11ten Juni 2014 an, als ein wenig erfreuliches hohes Maß an Vorverurteilung durch die Medien, Presse und die betroffenen (eingebundenen) Kreise ging. Geht das nicht alles etwas zu schnell – und ist alles nicht etwas zu (!) klar ? Hat es sich da nicht jemand zu einfach gemacht ? Zwar in einer äußerlich streng seriösen Weise – korrekt gescheitelt – und immer darauf bedacht durch zielgerichtete Fragen an die Zeugen das Gesamtsystem, in dem Helge Achenbach agierte und die dort festzustellen Abläufe und Vorgänge zu enttarnen.

Hierzu: … 2007 wechselte der promovierte Jurist – damals noch als Beisitzer – in die 21. Strafkammer des Essener Landgerichts. Deren Spezialgebiet, der Wirtschaftskriminalität, hat er sich so pragmatisch genähert wie es auch seine Art in der Führung einer Hauptverhandlung ist. „Man muss sich in jedes Themenfeld einarbeiten“, hat Johannes Hidding einmal gesagt. Dass er schon immer ein Faible für Mathematik und Zahlen hatte, kann man demnach nicht behaupten Herr der Zahlen (hierzu im Folgenden mehr).

Auch die Wahrnehmung, dass der Vorsitzende Richter die im Plädoyer der Verteidigung angeführten Fakten und Argumentationen in seiner Begründung quasi unberücksichtigt ließ und dafür aber den Angaben der Zeugin Babette Albrecht vollends Glauben “schenkte” intensiviert diesen schalen Geschmack.
Wurden denn sämtliche Aussagen Babette Albrechts durch weitere Zeugenaussagen belegt und als konsistent empfunden ? Gab es Cross-Over Validierungen ?

Wie dem auch sei – Annahmen, Modelle, Ansätze, Mutmaßungen hin und her – es bleibt der schale Geschmack der Un-Schärfe und der Un-Präzision – der fehlenden differenzierten Sicht auf die Dinge, inbesondere der Zahlen. Das Ein-Mal-Eins, der Dreisatz oder auch lineare Zinsberechnungen ließen sich auch reduziert algebraisch erledigen.

Die (!) Zeugenaussage

Die Presse ./. Medien melde(t)n hierzu: … die Witwe des Aldi-Erben Berthold Albrecht und ihre Kinder begrüßen das Strafurteil … Die Begrüßung Und: … er [Berthold Albrecht] wollte ja immer nur die Meisterwerke haben, erinnert sich [Babette] Albrecht. Ich hätte ja auch mal andere schöne Sachen genommen, die nicht so teuer waren. Aber es wurde eigentlich immer das genommen, was er [Helge Achenbach] empfohlen hat. der Aldi Clan im Spiegel Und: … im Verlauf der Verhandlung spricht Babette Albrecht häufig von den “Dingern”, wenn sie die diversen Kunstwerke, die ihr Mann erworben hat, meint. Thomas Steinfeld kann in der SZ vom 13.03.2015 in “Achenbach und die Dinger. Kunst als Trophäe und Krönung des Kapitalismus” seine Verwunderung über die Bezeichnung von Kunstwerken als “Dinger” kaum zurückhalten … und die Dinger Und: ” … dass seine Großzügigkeit offenbar ausgenutzt wurde, bemerkte sie erst, als ihre Anwälte den Nachlass des Verstorbenen auswerteten und auf die Manipulationen Achenbachs aufmerksam wurden. Da erstattete sie Anzeige und stellte sich der Öffentlichkeit. Wie sie sich fühle, hatte ein Reporter sie auf ihrem Weg zum Gerichtssaal gefragt. „Spitze“, antwortete sie … mit Spitzen im Westen und … im Sommer 2013 habe sie im Zuge der Erbschaftssteuer-Ermittlung Gutachten in Auftrag gegeben. Der Wert der Objekte sei dabei sehr niedrig eingeschätzt worden. Sie wies Spekulationen zurück, sie habe durch eine niedrige Bewertung Steuer sparen wollen. ‘Ich wollte nichts verheimlichen.’ nichts wird verheimlicht.

Es läßt sich annehmen, dass sich aus dieser Aussage die “Erschwerung“, resp. der Vorwurf der “Niedertracht” speißt – es heißt doch: “erschwerdend kam hinzu, dass der Angeklagte das Vertrauen zu Berthold Albrecht nicht nur gesucht hatte, sondern im Laufe der Bekannt-/Freundschaft zutiefst und über einen längeren Zeitraum auch ausgenutzt hatte”.
Hier hatte wohl auch das Plädoyer der Verteidigung eher Bumerang-Wirkung , da hier zu ausführlich das intensive Vertrauensverhältnis zwischen Helge Achenbach und Berthold Albrecht herausgestellt wurde, zwar mit der Zielsetzung, die Aussagen Babette Albrechts zu entkräften – doch das Gegenteil stellte sich ein – jedenfalls in der Urteilsbegründung und Strafbemessung.

Werden die meisten Presseartikel richtig gedeutet, handelte es sich bei “Der Zeugenaussage” um eine sehr emotional vorgetragene, die in der Regel auf Stimmungsäußerungen beruhte und nur auf konkretes Nachfragen hin verwertbares bzw. interpretierbares Material lieferte.
Es war eine Aussage, die entgegen der Aussage Helge Achenbachs stand …

Die (!) Zahlen

Die Achenbachs und die Albrechts kannten sich länger: “Das Ehepaar Albrecht hatte Achenbach nach Angaben von Babette Albrecht 2007 bei einem Abendessen in der Nachbarschaft kennengelernt. Trotz schwerer Krankheit kaufte Albrecht bis kurz vor seinem Tod fast im Monatstakt bei Achenbach ein. Zwischen 2009 und 2012 waren das Objekte in einer Gesamtsumme von über 100 Millionen Euro“.
Berthold Albrecht hatte in nur drei Jahren mithilfe von Achenbach Kunstwerke und Oldtimer im Wert von rund 120 Millionen Euro erstanden. ” Neben verschiedenen Oldtimern hatte “Achenbach insgesamt 28 hochkarätige Kunstwerke innerhalb von knapp zweieinhalb Jahren an Albrecht verkauft, unter anderem Bilder von Kokoschka, Kirchner, Picasso und Gerhard Richter.”
Im Sommer 2013 habe sie [Babette Albrecht] im Zuge der Erbschaftssteuer-Ermittlung Gutachten in Auftrag gegeben.” “Nach dem Tod ihres Mannes 2012 habe sie [Babette Albrecht] Achenbach um die Rechnungen für Kunst und Oldtimer gebeten. “Das hat unglaublich lange gedauert”, sagte Babette Albrecht. Achenbach habe ihr im Sommer 2013 die Listen gefaxt.
In der Urteilsbegründung des Vorsitzenden Richters werden die Betrugssummen wiefolgt genannt und zugeordnet: 5.2 MEuro bei den Kunstverkäufen, 14.4 MEuro bei den Oldtimerverkäufen, 1.2 MEuro bei den Verkäufen im Verbund mit der Berenberg-Bank. Insgesamt beläuft sich also die absolute Betrugssumme auf 20.8 MEuro – also ca. 20% der tatsächlichen Verkaufssumme von 100 MEuro (Gesamtverkaufssumme 120 MEuro abzgl. der Betrugssumme von 20 MEuro).

Die Unternehmensberatung Deloitte hat … ermittelt, dass die Preise für zeitgenössische Werke seit dem Jahr 2000 im Schnitt um fast zwölf Prozent gestiegen sind – wohlgemerkt jährlich … ” und “Berechnungen … zufolge, ist zeitgenössische Kunst seit dem Jahr 2000 um durchschnittlich 12% im Preis gestiegen.

Der (!) mögliche Fehler – die Bemessungsgrundlage

Bei der Frage nach der vom Essener Gericht gewählten Bemessungsgrundlage für das Strafmaß, die Strafzumessung, stößt der neutrale Beobachter – auch bei Durchsicht der Medien und Pressebeiträge – auf eine recht simpel gewählte. Es wird pauschal die leicht errechenbare Betrugssumme – eben die ca. 20 MEuro – angesetzt. Und dies ohne differenziert in die Details zu gehen – z.B. bleibt die Frage nach der sich hoch-dynamisch ändernden Werthaltigkeit der vermittelten Objekte seitens des Gerichtes unberührt. Zwar hat Thomas Elsner in seinem Verteidigungs-Plädoyer angeführt, dass aufgrund der wirkenden Wertsteigerung der hoch qualitativen Objekte keine Vermögensminderung und damit kein Schaden über die Jahre hinweg bei den Albrechts entstanden sei. Aber auch dieses Argument erscheint etwas grobgeschnitzt. Der eigentliche Punkt in der Sache ist der, dass Helge Achenbach Objekte vermittelt und verkauft hat, die eine implizite sich dynamisch steigernde Werthaftigkeit hatten – bedingt durch das enorme Wertsteigerungspotential von mindestens 12% p.a. (siehe oben) – sozusagen das “intangible asset”.
Gerade angesichts der in den Wochen nach der Verhaftung Helge Achenbachs wahrzunehmenden Vorverurteilung wäre zwingend ein hohes Maß an Präzision im Umgang mit den Fakten und den Aussagen notwendig (gewesen). Und damit wäre auch der dynamische – zeitabhängige – Wertanteil der Objekte zu berücksichtigen und die Frage (in jedem einzelnen Fall) zu klären: zu welchem Zeitpunkt waren die Objekte in tatsächlichem Besitz Berthold Albrechts – bei der

  • der Übergabe ? oder bei
  • der Rechnungsstellung ? oder bei
  • vollzogenem Kapitalfluss / Zahlungsleistung (Überweisung) ?

Es gibt also in dem bekannten Ablauf der Vermittlung resp. des Verkaufs eine Zeitspanne, in der der Preis (wohl mündlich) zu Beginn ausgehandelt bzw. mitgeteilt war – die jeweiligen Objekte aber noch im Besitz Helge Achenbachs waren. Dieser Zeitabschnitt kommt im kaufmännischen angenähert einem Zahlungsverzug gleich. D.h. in diesem Zeitabschnitt waren die Objekte noch im Besitz des Vermittlers resp. Verkäufers. Diese Frage wurde in der Beuteilungsbegründung nicht behandelt. In der mündlichen Urteils-Begründung wurde bei der Behandlung der einzelnen Fällen nicht auf den Zeitpunkt des Besitzerwechsels eingegangen – hierüber ist auch den Medien nichts zu entnehmen. Allgemein kann davon ausgegangen werden, dass mit Fluss des Kaufpreises (Zahlungsleistung) der Besitzerwechsel vollzogen wurde. Insofern und angesichts der Höhe des Wertpotentials müsste die Wertsteigerung des Objektes innerhalb der Zeitspanne zwischen Übergabe des Objektes und der Bezahlung (Kapitalfluss) Berücksichtigung finden – auch wenn der formelle Vorgang von den beiden Vertrauenspartnern Helge Achenbach und Berthold Albrecht nur mündlich und nicht immer kaufmännisch streng gehandhabt wurde. Da keine schriftlichen Verträge existierten, ist davon auszugehen, dass jeder Tag zwischen Übernahme des Objektes und dem Vollzug des Kapitalflusses zählte – Verzugsbeginn war der erste Tag nach der Übergabe – die Wertsteigerungs-Uhr tickte also auf der Seite des Noch-Besitzers – eben Helge Achenbachs. Diese “täglichen” Wertzuwächse kämen – auf das kaufmännische übertragen – Verzugszinsen gleich. Dies führt zum folgenden Schluss: Die Summe der vor Besitzerwechsel angefallen Wertzuwächse der Objekte müsste also korrekter Weise von den jeweiligen Betrugssummen subtrahiert werden, um als Differenzen die effektiven Betrugssummen zu ergeben, die als Bemessungsgrundlage korrekten Sinn machen würden.
Hierüber ist in der mündlichen Urteilsbegründung nichts zu finden.

Der Zuwachs – und eine Illustration der Zahlen

Im folgenden wird der Versuch unternommen die o.g. Zusammenhänge anhand einer Zahlen-Illustration zu veranschaulichen – dies mag auf ersten Blick etwas belehrend erscheinen – dient aber auschließlich der Illustrierung – auch ist es der präzisen Scheitelbildung des Vorsitzenden Richters geschuldet; zumal eben diese zwischenzeitlich an parallel liegende Zahlenkolonnen erinnern könnte.
Es ist davon auszugehen, dass sich das gesamte Kunst / Oldtimer Projektgeschäft zwischen Helge Achenbach und Berthold Albrecht in einem Zeitraum von ca. 3 Jahren vollzog (zwischen 2009 und 2012, 36 Monate). Die Gesamtsumme des Projektgeschäftes beläuft sich auf 120 MEuro. Wird hiervon die Betrugssumme abgezogen erhält man den Wert der verkauften Objekte (100 MEuro) zum Zeitpunkt der Übergabe – wohlgemerkt nicht des Besitzerwechsels. Es erfolgte quasi eine Objekt-Vermittlung im Monatstakt (s.o.). Im Mittel wurden also von Berthold Albrecht 100 MEuro / 36 = 2.78 MEuro monatlich investiert (Annäherung – im Realen variierten die mtl. Investments). Die Wertsteigerungsrate kann mit 12% p.a. angesetzt werden. Werden nun A) das mtl. investierte Kapital (Mittelwert), B) die sich ergebenen mtl. / tgl. Wertzuwächse (behandelt als (Verzugs-) Zinsen im Sinne der Zinsrechnung bzw. Zinseszinsrechnung) und C) die Differenz zwischen absolut genommener Betrugssumme und dem Wertzuwachs für verschiedene Zeitspannen in Zahlenkolonnen angegeben, ergibt sich das folgende Bild:

TAB A gibt die Kolonnen für das mtl. investierte Kapital und die mtl. bzw. tgl. Zuwächse . Es ergeben sich accumuliert die Summen der monatlichen Zuwächse zu 18.5 MEuro bzw. 18.7 MEuro (Methode Zins bzw. Methode Zinseszins; siehe unten blau umrandet). Dies ist die ungefähre Summe, die Thomas Elsner in seinem Plädoyer ansprach. Berücksichtigt man den Wertsteigerungs-Zeitraum bis heute wären diese Summen erheblich höher. Dieser Argumentation folgte allerdings, wie bekannt, das Gericht nicht.
In TAB B finden sich die abgeleiteten effektiven und accumulierten Wertzuwächse (behandelt als Verzugszinsen) für die beispielhaft gewählten Zeitspannen von 7, 14, 30, 60 Tagen.
TAB C liefert dann das eigentlich spannende Ergebnis: wird die effektive Betrugssumme als Differenz aus der absoluten Betrugssumme (Spalte 18) und dem Wertzuwachsbetrag für die jeweiligen Zeitspannen (Spalten 19-22) aufgetragen und accumuliert, so ist für Verzug von 7 Tagen nur eine tatsächliche effektiv wirkende Betrugssumme von 15.6 MEuro, für 14 Tage 11.2 MEuro, für 30 Tage 1.3 MEuro und im Falle eines (recht langen) Verzugszeitraumes von 60 Tagen sogar eine negative Betrugssumme in der Höhe von minus 17.4 MEuro zu erkennen (grün umrandet). Das hieße, in diesem Falle wäre Helge Achenbach Gläubiger der Familie Albrecht und im Saldo (siehe Mittelwerte rot umrandet) .

Es gibt Meinungen, die korrekter Weise verlangen, dass für jeden Fall der >10 Betrugsfälle die effektiven Betrugssummen berechnet werden müssten, d.h. die Definition einer korrekten Bemessungsgrundlage – wie in den Tabellen illustriert. Die accumulierte effektive Betrugssumme für die jeweils gewählte Zeitspanne ist deutlich geringer als die vom Gericht zugrunde gelegte absolute Betrugssumme – und müsste entsprechend zu einem geringeren Strafmaß führen. Die realen Zeitspannen sind der Öffentlichkeit nicht bekannt – aber wird die fehlende kaufmännische Strenge im Kunstmarkt berücksichtigt, wären Zeitspannen zwischen 7 und zumindest 30 Tagen denkbar.

Video Urteil Video Plädoyer Video Basis

press review:
Der Herr der Zahlen und die Begrüßung des Aldi Clans im Spiegel und die Dinger mit Spitzen im Westen und nichts wird verheimlicht. Die Bumerang-Wirkung in der Nachbarschaft für 100 Millionen Euro oder 120 Millionen Euro für 28 hochkarätige Kunstwerke ohne Erbschaftssteuer aber Ermittlungen im Sommer 2013 auch bei Deloitte zu 12% Tief widersprüchlich und mit zweierlei Maß im Eiskeller.