Song Dong – Duesseldorf Kultur

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Nur noch bis 12. März 2016. Am Eingang eine Polizeiarmee. Ist das hier politisch? Drinnen schöne lebensgroße Fotos, in denen der Künstler die chinesische Erde küsst und wie Neptun im Wasser steht. Ist das poetisch? In der Halle als Hauptwerk ein Sammelsurium der Entrümpelung aus Mutters Haus. Banalitäten als Kunst?

Song Dong: Fremd und nah zugleich
Er ist auf dem internationalen Kunstmarkt einer der erfolgreichsten Chinesen. Seine Werke sind publikumswirksam, manchmal poetisch, oft mit einem gefälligen Touch, erschrecken oder provozieren nicht wirklich. Auf den ersten Blick ist der Besucher enttäuscht. Das alles wirkt so banal, hübsch drapiert. Er gefällt, man kann es nicht anders sagen. Seine Werke handeln von ihm und seiner Familie und seiner Stadt und seinem Land. Man ist versucht zu schreiben: kleinbürgerliche Kunst des 21. Jahrhunderts.
Song Dong: Wir essen die Welt

Da ist die Landkarte aus Bonbons, da sind der sorgfältig sortierte Hausrat seiner Mutter, die gewissenhaft gesammelten Hausschilder, die einfühlsamen Annäherungsversuche an seinen Vater über Videoinstallationen, seine Polizisten-Konterfeis, die Papierstapel seiner Tagebucheintragungen, die Bretterbuden, die kraftvollen Fotos seiner Wasserstempel-Performance und die sehr poetischen Bilder vom Tianmen-Platz, die Video-Fahrradfahrt durch Bejing, der Boden voller Holzsitze und Steine, auf die wir Besucher uns flüchtig mit Wasser verewigen können.
Auf den zweiten Blick ist das alles aber nicht nur viel subversiver, als zunächst gedacht. Die heimeligen Installationen führen in ungeahnte Tiefen. Da ist das Chinesische, das Traditionelle, das Gehorsame, da ist zugleich auch das, was wir Menschen alle tun und getan haben, was uns alle berührt.

Breathing – Nachrichten aus Wasser
Chinesen üben Kalligraphie, indem sie draußen, im Park, auf der Straße, chinesische Schriftzeichen auf den Boden pinseln, mit Wasser. Das gab die Anregung zu “Metal, Wood, Water, Fire, Earth”, eine Installation, die der (meiner Meinung nach schöneren, ausdrucksstärkeren) im DKM Duisburg “Write your Message with Water” gleicht. Die flüchtigen Nachrichten sind in sich subversiv, sind sie dem (Überwachungs)Staat doch nur schwer zugänglich.
Ähnlich doppelbödig auch die Dokumentation zum Tianmen-Platz. Oder zum Einfluss, zur Wirkung, den der Einzelne hat. Zum Abdruck, den er hinterlässt. “Breathing” (1996) ist 2-teilig: 40 Minuten be-atmet (nicht: küsst, wie man zuerst meint) Song Dong den gefrorenen Boden des Tianmen-Platz, bis sich ein Eisfleck bildet. Im zweiten Teil schafft sein Atem kein Bild auf einem zugefroren Pekinger See.
Ein chinesische Erde küssender Chinese, eigentlich harmlos, selbst auf dem Tianmen. Tianmen, 1989, das hat diese Generation geprägt, Vorher war alles Aufbruch, danach zog man sich zurück. Manche wie Ai Weiwei, Wang Gongxin und Lin Tianmiao gingen schon vorher dorthin, wo sie sich freier zu fühlten meinten, in die USA. “Es gab keinen, der nicht betroffen war, wir alle waren betroffen, waren Teil der Tianmen-Bewegung.” Song Dong hatte klassische Malerei studiert, danach war es nicht mehr möglich, einfach chinesisch zu malen.

Doorplate – Landfraß

Unser Raubbau an der Welt. Andererseits Kunst harmlos und als Event: Essen ist wichtig in der chinesischen Kultur. Essen als intellektuelles und haptischen Erlebnis.

Mutter Erde. Der Vater in uns – Touching my Father. Waste not.
Die Mutter ist die Sammlerin, die Hüterin des Hauses und des Familienschatzes. Nichts wird verschwendet, weggeworfen. Das ist keine Wegwerfgesellschaft. Hier wird obsessiv aufgehoben und bewahrt. “Waste not” gilt als Hauptwerk von Song Dong.

Die chinesischen Polizisten, geballt am Eingang der Kunsthalle und verteilt im Gebäude, sind bedrohlich und Hüter der Ordnung (welcher?). Und sie sind Konterfeis von Song, sind die Abbilder des “Polizisten in seinem Inneren”.
Zwei Säle nähern sich dem Vater, diesem universalen Vertreter der Hierarchie, des Patriarchats, der Obrigkeit, des Verdrängens, der Distanz. Song schafft mit seiner Kunst, die vorsichtige Annäherung an den unnahbaren Vater, Song hat seinen Vater zum ersten Mal berührt, als er tot war. Als sein Vater todkrank war, im Sterben lag, näherte er sich ihm mit einer Videoprojektion: Eine Hand tastet über den Vater. Dieser Film läuft in den Museen der Welt, in der Kunsthalle. Es gibt auch Videos, die das Sterben des Vaters dokumentieren, die nicht zu sehen sind. Sie liegen in einer Vitrine. Weit weg und doch ganz nah. Noch ein “Brief an den Vater”.
Und das ist es wohl, weswegen Song Dong so erfolgreich ist: Er spricht auf eine – für uns – sehr chinesische Art und Weise westliche oder sogar universale Erfahrungen und Sehnsüchte an.
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Song Dong | Chinese Wang Gongxin | Kunsthalle | Kunst und Kultur

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Breathing Schriftzeichen Tianmen Mutter Museen Hüter Kunst

China 8 Wang Gongxin Lin Tianmiao – Song Dong Yin Xiuzhen Künstlerduo s – Mehr als Ai Weiwei

China 8: Wang Gongxin Lin Tianmiao Song Dong Yin Xiuzhen | Künstlerduo`s – Mehr als Ai Weiwei –
(Osthaus Museum Hagen, Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr, Folkwang Museum, NRW-Forum)

Mehr als Ai Weiwei – Stars zeitgenössischer chinesischer Kunst
Künstlerduos bei China 8: Wang Gongxin und Lin Tianmiao – Song Dong und Yin Xiuzhen
by Vera Kriebel

Lin Tianmiao lässt keinen gruselig-provokativen Kitsch aus. Bei Yin Xiuzhen wird es weich und warm und bunt und irgendwie wohnlich. Wang Gongxin schafft ebenso meisterliche Stillleben der Videokunst wie auch aggressive Installationen hektischer Filmschnitte.

Und Song Dong ist wie die anderen drei ein Star der chinesischen Kunstszene. Im Duisburger DKM ist seine Installation “Write Your Message With Water”, bei der man (flüchtige) Nachrichten mit Wasser auf einen Stein pinselt. Bei China8 bleibt Song Dong eher blass: In Mülheim steht derzeit der altertümliche Schrank eines Telefon-Vermittlers, im Inneren zu einer engen Wohnstatt für Wanderarbeiter ausgebaut; in Hagen ein überdimensionales Essstäbchen; in Marl dokumentiert er eine Radfahrt durch Peking.
Farben des Lichts: Yin Xiuzhens Hagener Zimmer
Yin Xuizhen ist keineswegs die kleine Chinesin an Songs Seite. 2012 widmete ihr die Kunsthalle Düsseldorf eine Soloausstellung (November 2015 wird ihr Song folgen), und nach dem, was man gerade bei China8 sieht, ist sie ein Song (mindestens) ebenbürtiger Künstler. (Und anderes als er spricht sie Englisch, was einem kleinen globalen Kommunikationswunder gleicht.)
Yin Xiuzhen hat in Hagen einen eigenen Raum, in dem zwei aufgeklappte Koffer mit zwei tragbaren Städtchen liegen, einmal Shenzhen, einmal Hangzhou, mit ihren markanten Bauwerken aus Textilresten und gebrauchter Kleidung. Ein ähnlicher Koffer, diesmal mit der Düsseldorf-Miniatur, steht seit 2012 im Kunstpalast. Hübsch bunt und niedlich. Ein Stück Heimat für die Fremde? In Hagen ziehen sich oben durch den Raum Fäden zu den Wandpunkten, die für die Städte stehen, die Yin bereits zu tragbaren Versionen verarbeitet hat, und bilden die Anfänge eines globalen Netzes. Daneben drei Bücherregale, vollgestopft, und ebenfalls farblich fein abgestimmt. Wie Suhrkamp-Serien stehen die Bücher dicht gedrängt in regenbogenfarbenen Umhüllungen, die sich auf der Rückseite der Regale als Kleidungsstücke herausstellen.
Zugleich schaffen gemeinsame Werke. In Hagen liegen zwei “Essstäbchen” ihrer Chopstick-Serie, die aber hier etwas farblos bleibt. Zwei überdimensionale Essstäbchen, die eher aussehen wie Torpedos, das eine aus Stahl (mit Ornamenten oder Schriftzeichen ? jedenfalls wirkt es nicht so, als ob es etwas verberge unter oder auf seiner dunkelgrauen Oberfläche), das andere (von Yin) überzogen mit lehmbraunen Lumpen, besetzt mit der Miniatur einer asiatischen Tempelanlage.
citation: (http://www.philartalliance.org/exhibi…)
Yin/Song sind mit den aus alltäglichen Utensilien verfertigten oder durch sie angeregten Werken ein Beispiel für ein oft bei aktuellen chinesischen Künstlern anzutreffendes Motiv: Der nostalgische und melancholische Blick zurück in die Kindheit, in die kleine Welt der Familie, des trauten Heims, ins traditionelle China – das sind häufige Inspirationsquellen.

Ganz anders? Lin Tianmiao
Lin Tianmiao arbeitet ebenfalls mit Textilien und Alltagsgegenständen und ist die zweite Entdeckung in Hagen: “Statue” ist keine Statue, sondern eine Sammlung Schädel auf Podesten in einer Reihe, “wie Hühner auf der Stange”, angetan mit absurden Requisiten. Schaurig-schöne Torsi, dicht umwickelt mit silbernen und goldenen Fäden. Witzig verspielt? Es sind Totenschädel, fleischlos, statt Nasen Höhlen, statt Augen Löcher. Meist deformiert, gequetscht wie nach einem Verbrechen oder durch Verschüttung, gelängt wie bei exotischen Schönheitsidealen. Und immer verletzt. Einem ist eine Schaufel ins Gebiss gerammt, einer hat sich an einer Kokosnuss (?) verschluckt, auf einen zielt seitlich eine Bohrmaschine, als wäre diese eine Pistole – und hat sich schon tief in den Knochen gebohrt, einen ziert die eigene, säuberlich als Halbkugel ausgeschnittene Schädeldecke wie ein Heiligenschein oder Schirm, ein Kopf ist von einer Trompete durchstochen.
Lin Tianmiao bildet mit Wang Gongxin, den in Marl mit meisterhaften Stillleben vertretenen chinesischen Videokünstler (https://www.youtube.com/watch?v=3f2fd…) wie Yin/Song ein international überaus erfolgreiches Künstlerpaar. Die beiden sehen eher aus wie zwei Grundschullehrer (https://www.youtube.com/watch?v=YCBib…), na, jedenfalls eher bieder, und eigentlich würden zu ihnen sehr gut die mehr nach innen und rückwärts gerichteten Werke des Duos Yin/Song passen. Die wiederum ziemlich trendig und aufmüpfig auftreten, also so, als hätten sie die provozierenden und mehr aktuell, zeitgemäß wirkenden des Lin/Wang-Paars geschaffen

Wang Gongxin | China 8 | Ai Weiwei | Lin Tianmiao Künstlerduo

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Yin Xiuzhen Song Dong Tianmiao Mehr als Ai Weiwei

China 8 NRW Forum Kultur Duesseldorf – Overview – nackte Chinesin by Vera Kriebel

Zur China 8 im NRW Forum mit Kultur in Duesseldorf und nackte Chinesin –

Expanded Report by Vera Kriebel

Einstiege zur China 8. Numero 2 in Düsseldorf: Mehr Sorgfalt bei Auswahl und Design wäre schön gewesen. So ist es Smerlings großes Sammelsurium in Düsseldorf.

9 Ausstellungen in 8 Städten: Düsseldorf, Duisburg, Mülheim, Essen, Gelsenkirchen, Marl, Recklinghausen, Hagen. Die China 8 will alles. Oder fast alles.

Einstieg 1 in Essen
Die Pressekonferenz findet in Essen, im Folkwang, statt. Was aus vielerlei Gründen bemüht wirkt. Zum einen ist man ja seitens der China8 froh, in Düsseldorf mit dem NRW-Forum einen Partner gefunden zu haben, bei dem sich auf eine Menge Publikum hoffen lässt und der deswegen auch die große Schau als Appetizer zur Gesamt-China8 bekommen hat. Zum anderen ist der Macher Walter Smerling ja nun einmal in der Rhein-Ruhr-Region beruflich in der Küppersmühle in Duisburg beheimatet, nicht im Folkwang. An beide Standorte hätte die Pressekonferenz hingehören können.
Im Folkwang läuft sie am Rande. Die China8. Denn das Folkwang hat gerade eine große (und zwar in vielerlei Hinsicht “große”) Schau: Conflict, Time, Photography. Da bleibt für die China8 nur ein Teil des Saaltrakts, der in der Regel den kleineren Sonderausstellungen zum Folkwang-Schwerpunkt Fotografie vorbehalten ist.
Die Pressekonferenz findet aber im Folkwang statt, weil das politisch ja Aushängeschild der Ruhrgebietskultur sein soll. Daneben scheint sie wie die gesamte China8 eine Soloveranstaltung für Prof. Dr. Walter Smerling zu sein, “dem man ja nichts abschlagen kann” (Vertreter Evonik Industries AG) und “ohne den das alles hier nicht möglich gewesen wäre” (u.a. Bodo Hombach).

Einstieg 2 in Düsseldorf
Der Appetizer “Overview – Blicke auf China” findet sich in Düsseldorf, im NRW-Forum, das sich sonst eher durch trendige Ausstellungen für´s feine Düsseldorfer Club-Publikum auszeichnet.
Kurator ist besagter Prof. Dr. Walter Smerling, der daneben für die Ausstellungen in Duisburg (Lehmbruck, Küppersmühle), Hagen und Mülheim an der Ruhr, also für mehr als die Hälfte von China8, verantwortlich zeichnet.

Dieser Düsseldorfer Überblick aber ist ihm nicht so gut gelungen. Eine große Ausstellung, mit vielen großformatigen Arbeiten auf großer Fläche, und vielfältig ist sie auch. Und genau hier ist das Problem. Herausgekommen ist bei der leichten, publikumswirksamen Zusammenschau ein Sammelsurium ohne roten Faden. Mehr Quantität als Qualität und das ungeordnet. Dazu passt, dass einzelne Werke nicht mehr angemessen präsentiert werden können. Das Shop-in-Shop-Ausstellungsdesign bekommt zum Beispiel Jianhuas Installation “Square” gar nicht gut, auch die stählerne Spiegel-Skulptur von Kum Chi Keung wirkt verloren.

Rein inhaltlich gesehen gibt es aber Glanzpunkte. An beiden Kopfenden der Ausstellungstrakte Videokunst: Wang Gongxin, im Glaskasten Marl mit genialen Stillleben vertreten, zeigt hier eher konventionelle Videokunst mit verteilten Leinwänden, schnellen hektischen Schnitten, laut-dröhnend, mit aggressivem, bedrohlichem Grundton. Im anderen Trakt das fast perfekte Video “Restart” von Miao Xiaochun, der sich von Höhepunkten westlicher Bildkunst wie Pieter Brueghel, El Greco, Dalí inspirieren lässt und diese – begleitet von Beethovens Missa Solemnis – in einen Traum animierter Computergrafik verwandelt. Fast perfekt: Weil alles in dieser artifiziellen Ursuppe von selbstverliebtem Pathos geradezu trieft.
“Overview – Blicke auf China” – für Düsseldorfer? Für den Talk beim Prosecco oder als Einsteiger im Club Freitagnacht? Aber ohne den Besuch im NRW-Forum geht die China 8 nun auch nicht. Da wäre es schön gewesen, wenn man sich etwas mehr Mühe mit der Einstiegsausstellung gegeben hätte.
Denn insgesamt ist es ein eminent politischer Einsteiger zur Gesamt-China8, der man ja im Vorfeld vorgeworfen hat, sie würde nur “offizielle” chinesische Kunst zeigen: In einem Tempel huldigen Hunderte am Boden hockender, gesichtsloser nackter Chinesen einem Buddha (Wang Qingsong). Nadim Abbas lässt als Kunst Bälle durch Staubsaugerroboter hin- und herschubsen. In einem tristen städtischen Hinterhof steht einsam ein Polizist Wache. Der Blick in einen leeren Plenarsaal wird durch die mit “No Politics Today” bemalte Glasscheibe gebrochen (Leung Chi Wo). Westlich-bunt gekleidete Chinesen betrachten die althergebrachte Tuschelandschaft und wenden dem Betrachter (und der hässlichen neuen Realität Chinas?) den Rücken zu (Huang Min).
So kann man also durchaus unterschiedlicher Meinung sein. Ein Besucher: “Die meisten Werke hatten etwas Gemeinsames: Der einzelne Mensch schwimmt in einer Masse von Menschen, und alle zusammen versuchen sich in einer immer komplexeren Umwelt zu orientieren, die sie selbst geschaffen haben.”
http://ruhrgebiet-kunst-kultur-freizeit.blogspot.de/2015/05/nrw-forum-dusseldorf-china-8-overview.html

China 8 Walter Smerling Vera Kriebel nackte Chinesin

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NRW-Forum Folkwang Küppersmühle NRW Museen Overview

China 8 Glaskasten Marl Yi Lian Georg Elben Yang Zhenzhong | Wang Gongxin Yang Yongliang

Zur China 8 (Walter Smerling) wird im Glaskasten Marl von Georg Elben u.a. Yi Lian, Yang Zhenzhong, Wang Gongxin, Yang Yongliang gezeigt.

Glaskasten Marl: China 8 – Die angehaltene Zeit. Video und Sound.
9 Ausstellungen in 8 Städten: Duisburg, Düsseldorf, Marl, Mülheim, Recklinghausen, Hagen, Gelsenkirchen, Essen. Die China8 will alles. Oder fast alles.
(von Vera Kriebel)

China 8 im Glaskasten Marl: Videoinstallationen
Aber zunächst zum Abwegigen, zu dem, wohin man eigentlich nie geht, weil das alles so verkopfte und zugleich nervtötend bauchlastige Kunstkunst ist.
Videokunst. Und dann noch wortwörtlich abwegig: In Marl, das am Rand liegt, am Rand des Ruhrgebiets und des Münsterlands, und de facto einfach ein verkopftes Kunstkonglomerat aus allem ist, was die Ruhrgebietsstädteplanung an absurden Hässlichkeiten seit 1960 hervorgebracht hat. Aber diesmal muss man hin nach Marl, denn dort gibt es neben dem sicherlich unterhaltsamsten Kurator auch mindestens zwei Kunstwerke, die weltweit ihresgleichen suchen dürften.

Wang Gongxin: Still Life
Still Life No. 1-7 (2012) von Wang Gongxin – eine Serie technisch perfekter zerbrochener Stillleben, von denen einige auf den ersten Blick an die alten niederländischen Meister erinnern. Ein Totenkopf hinten, ein Wabengeflecht vorne. Still, bis auf die Bienen, die sich daraus unendlich und verzweifelt und erfolglos zu befreien versuchen. Eine Glühbirne hängt über einem glitzernden Wabengeflecht, ein Berg Seifenblasen, der nach und nach zerplatzt, ein Insekt freigibt, das über seine langen Fühler – diese Anthropomorphismen drängen sich bei Wang Gongxin auf – verunsichert die Umgebung erkundet, während die Seifenblasen sich über der Seife wieder aufzubauen beginnen. Dunkelheit, der Lichtstrahl fällt auf die breite Schneide eines Messers, die Spitze nach unten, während um die Scheide eine Libelle zwirbelt. Mit quälender Langsamkeit stakst eine Gottesanbeterin ins Bild unter einer von oben herab hängenden zerknitterten Folie (Videos folgen).

Chinesische Sinnbilder für die Vergeblichkeit unermüdlichen Strebens, die Beharrlichkeit der Langsamkeit, die Sinnlosigkeit des Bemühens, die geheimnisvolle Schönheit der Natur, den unüberbrückbaren Graben zwischen Natur und Kultur.

Yi Lian
Ein ganzer Raum für die drei Filmprojektionen des jüngsten Künstlers der China8: Yi Lian. Wunderbare Märchenlandschaften, die sich in Albträume verwandeln. Heiße Quellen in der Nacht, ein Hund schwimmt Äpfeln hinterher, eine Froschleiche streckt sich rücklings unterwasser. Eine idyllische hüglige Weidelandschaft mit Schafen, durch die sich ein menschlicher Tausendfüßler schlängelt, Krähen auf Ästen im lockeren Wald, darin Frauen Gefangene in Glasschaukästen. Nackte, spielende Jungen in einem sumpfigen Teich, beobachtet von hinten. Von vorne scheinen ihre Köpfe aber merkwürdig alienhaft, die Münder wie im Schrei geöffnet. Die eigentlich eigenständigen Filme spielen in diesem Raum im Glaskasten Marl zusammen und ergänzen sich. Und auch wenn sie noch so westlich wirken: Es sind chinesische Märchen, die sie erzählen. Chinesische Albträume.

Die angehaltene Zeit. Video und Sound.
Das dritte Alleinstellungsmerkmal des Glaskastens Marl im Rahmen von China8 ist der Kurator Georg Elben, seit 2011 Direktor des Marler Kunstmuseums, dessen Schwerpunkte Video, Sound und Skulptur (ein sehr schöner Skulpturenpark umgibt und zieht sich durch das Ensemble der Stadtverwaltung Marl) sind. Untergebracht ist das Museum in Erdgeschoss und Keller eines modernen Betonverwaltungsbunkers, der die gläserne Außenhülle de facto verdeckt, so dass ein Glaskasten eher auf dem Reißbrett erkennbar ist. Mosaikfliesen in 70er-Jahre-Farben zieren die Wände, alles wirkt etwas abgegriffen und schmuddelig, draußen

vor den Glasfassaden stehen Männergrüppchen beim bierseligen Palaver, auf der Standuhr im – wie sollte es anders sein – trockenen Brunnen draußen auf dem Platz ist es permanent 5 vor 12. Georg Elben hat es definitiv nicht leicht im Leben. Aber das hat ihm nicht die Begeisterung für seine Video- und Sound-Kunstwerke genommen. Im Gegenteil: Eine Führung von Elben durch seinen China8-Parcour ist ein Insidertipp.

Man muss dabei nicht immer der Meinung Elbens sein, z.B. wenn es um das Video “Exam” (2012) von Yang Zhenzhong geht, das zwei kleine Mädchen beim fleißigen Repetieren für eine Prüfung zeigt. Sie lernen stumpfsinnig kommunistische Weisheiten zum Sinn und Zweck der proletarischen Revolution auswendig, “was man ja auch als Kritik am System deuten kann” (Elben). Wenn die beiden Schulmädchen nicht beim Lernen dekorativ in knappen blütenreinen Dessous auf dem Bett posieren und sich rekeln würden.

Marl Glaskasten Gongxin Wang Yang China 8 Zhenzhong Li

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