Schubert & Gerhard Götzen – Die Winterreise – Interpretation und Ambiente 2

Winterreise
Gute Nacht

Fremd bin ich eingezogen,
Fremd zieh´ ich wieder aus.
Der Mai war mir gewogen
Mit manchem Blumenstrauß.
Das Mädchen sprach von Liebe,
Die Mutter gar von Eh´, –
Nun ist die Welt so trübe,
Der Weg gehüllt in Schnee.

Ich kann zu meiner Reisen
Nicht wählen mit der Zeit,
Muß selbst den Weg mir weisen
In dieser Dunkelheit.
Es zieht ein Mondenschatten
Als mein Gefährte mit,
Und auf den weißen Matten
Such´ ich des Wildes Tritt.

Was soll ich länger weilen,
Daß man mich trieb hinaus ?
Laß irre Hunde heulen
Vor ihres Herren Haus;
Die Liebe liebt das Wandern –
Gott hat sie so gemacht –
Von einem zu dem andern.
Fein Liebchen, gute Nacht !

Will dich im Traum nicht stören,
Wär schad´ um deine Ruh´.
Sollst meinen Tritt nicht hören –
Sacht, sacht die Türe zu !
Schreib im Vorübergehen
Ans Tor dir: Gute Nacht,
Damit du mögest sehen,
An dich hab´ ich gedacht.
Die Wetterfahne

Der Wind spielt mit der Wetterfahne
Auf meines schönen Liebchens Haus.
Da dacht´ ich schon in meinem Wahne,
Sie pfiff den armen Flüchtling aus.

Er hätt´ es eher bemerken sollen,
Des Hauses aufgestecktes Schild,
So hätt´ er nimmer suchen wollen
Im Haus ein treues Frauenbild.

Der Wind spielt drinnen mit den Herzen
Wie auf dem Dach, nur nicht so laut.
Was fragen sie nach meinen Schmerzen ?
Ihr Kind ist eine reiche Braut.
Gefror´ne Tränen

Gefrorne Tropfen fallen
Von meinen Wangen ab:
Ob es mir denn entgangen,
Daß ich geweinet hab´ ?

Ei Tränen, meine Tränen,
Und seid ihr gar so lau,
Daß ihr erstarrt zu Eise
Wie kühler Morgentau ?

Und dringt doch aus der Quelle
Der Brust so glühend heiß,
Als wolltet ihr zerschmelzen
Des ganzen Winters Eis !
Erstarrung

Ich such´ im Schnee vergebens
Nach ihrer Tritte Spur,
Wo sie an meinem Arme
Durchstrich die grüne Flur.

Ich will den Boden küssen,
Durchdringen Eis und Schnee
Mit meinen heißen Tränen,
Bis ich die Erde seh´.

Wo find´ ich eine Blüte,
Wo find´ ich grünes Gras ?
Die Blumen sind erstorben,
Der Rasen sieht so blaß.

Soll denn kein Angedenken
Ich nehmen mit von hier ?
Wenn meine Schmerzen schweigen,
Wer sagt mir dann von ihr ?

Mein Herz ist wie erstorben,
Kalt starrt ihr Bild darin;
Schmilzt je das Herz mir wieder,
Fließt auch ihr Bild dahin !
Der Lindenbaum

Am Brunnen vor dem Tore
Da steht ein Lindenbaum;
Ich träumt´ in seinem Schatten
So manchen süßen Traum.

Ich schnitt in seine Rinde
So manches liebe Wort;
Es zog in Freud´ und Leide
Zu ihm mich immer fort.

Ich mußt´ auch heute wandern
Vorbei in tiefer Nacht,
Da hab´ ich noch im Dunkeln
Die Augen zugemacht.

Und seine Zweige rauschten,
Als riefen sie mir zu:
Komm her zu mir, Geselle,
Hier find´st du deine Ruh´ !

Die kalten Winde bliesen
Mir grad´ ins Angesicht;
Der Hut flog mir vom Kopfe,
Ich wendete mich nicht.

Nun bin ich manche Stunde
Entfernt von jenem Ort,
Und immer hör´ ich´s rauschen:
Du fändest Ruhe dort !
Wasserflut

Manche Trän´ aus meinen Augen
Ist gefallen in den Schnee;
Seine kalten Flocken saugen
Durstig ein das heiße Weh.

Wenn die Gräser sprossen wollen
Weht daher ein lauer Wind,
Und das Eis zerspringt in Schollen
Und der weiche Schnee zerrinnt.

Schnee, du weißt von meinem Sehnen,
Sag´, wohin doch geht dein Lauf ?
Folge nach nur meinen Tränen,
Nimmt dich bald das Bächlein auf.

Wirst mit ihm die Stadt durchziehen,
Muntre Straßen ein und aus;
Fühlst du meine Tränen glühen,
Da ist meiner Liebsten Haus.
Auf dem Fluße

Der du so lustig rauschtest,
Du heller, wilder Fluß,
Wie still bist du geworden,
Gibst keinen Scheidegruß.

Mit harter, starrer Rinde
Hast du dich überdeckt,
Liegst kalt und unbeweglich
Im Sande ausgestreckt.

In deine Decke grab´ ich
Mit einem spitzen Stein
Den Namen meiner Liebsten
Und Stund´ und Tag hinein:

Den Tag des ersten Grußes,
Den Tag, an dem ich ging;
Um Nam´ und Zahlen windet
Sich ein zerbroch´ner Ring.

Mein Herz, in diesem Bache
Erkennst du nun dein Bild ?
Ob´s unter seiner Rinde
Wohl auch so reißend schwillt ?
Rückblick

Es brennt mir unter beiden Sohlen,
Tret´ ich auch schon auf Eis und Schnee,
Ich möcht´ nicht wieder Atem holen,
Bis ich nicht mehr die Türme seh´.

Hab´ mich an jedem Stein gestoßen,
So eilt´ ich zu der Stadt hinaus;
Die Krähen warfen Bäll´ und Schloßen
Auf meinen Hut von jedem Haus.

Wie anders hast du mich empfangen,
Du Stadt der Unbeständigkeit !
An deinen blanken Fenstern sangen
Die Lerch´ und Nachtigall im Streit.

Die runden Lindenbäume blühten,
Die klaren Rinnen rauschten hell,
Und ach, zwei Mädchenaugen glühten. –
Da war´s gescheh´n um dich, Gesell !

Kommt mir der Tag in die gedanken,
Möcht´ ich noch einmal rückwärts seh´n.
Möcht´ ich zurücke wieder wanken,
Vor ihrem Hause stille steh´n.
Irrlicht

In die tiefsten Felsengründe
Lockte mich ein Irrlicht hin;
Wie ich einen Ausgang finde,
Liegt nicht schwer mir in dem Sinn.

Bin gewohnt das Irregehen,
´s führt ja jeder Weg zum Ziel;
Uns´re Freuden, uns´re Wehen,
Alles eines Irrlichts Spiel !

Durch des Bergstroms trockne Rinnen
Wind´ ich ruhig mich hinab,
Jeder Strom wird´s Meer gewinnen,
Jedes Leiden auch sein Grab.
Rast

Nun merk´ ich erst wie müd´ ich bin,
Da ich zur Ruh´ mich lege;
Das Wandern hielt mich munter hin
Auf unwirtbarem Wege.

Die Füße frugen nicht nach Rast,
Es war zu kalt zum Stehen;
Der Rücken fühlte keine Last,
Der Sturm half fort mich wehen.

In eines Köhlers engem Haus
Hab´ Obdach ich gefunden.
Doch meine Glieder ruh´n nicht aus:
So brennen ihre Wunden.

Auch du, mein Herz, in Kampf und Sturm
So wild und so verwegen,
Fühlst in der Still´ erst deinen Wurm
Mit heißem Stich sich regen !
Frühlingstraum

Ich träumte von bunten Blumen,
So wie sie wohl blühen im Mai;
Ich träumte von grünen Wiesen,
Von lustigem Vogelgeschrei.

Und als die Hähne krähten,
Da ward mein Auge wach;
Da war es kalt und finster,
Es schrien die Raben vom Dach.

Doch an den Fensterscheiben,
Wer malte die Blätter da ?
Ihr lacht wohl über den Träumer,
Der Blumen im Winter sah ?

Ich träumte von Lieb um Liebe,
Von einer schönen Maid,
Von Herzen und von Küssen,
Von Wonne und Seligkeit.

Und als die Hähne krähten,
Da ward mein Herze wach;
Nun sitz´ ich hier alleine
Und denke dem Traume nach.

Die Augen schließ´ ich wieder,
Noch schlägt das herz so warm.
Wann grünt ihr Blätter am Fenster ?
Wann halt´ ich mein Liebchen im Arm ?
Einsamkeit

Wie eine trübe Wolke
Durch heit´re Lüfte geht,
Wenn in der Tanne Wipfel
Ein mattes Lüftchen weht:

So zieh ich meine Straße
Dahin mit trägem Fuß,
Durch helles, frohes Leben
Einsam und ohne Gruß.

Ach, daß die Luft so ruhig !
Ach, daß die Welt so licht !
Als noch die Stürme tobten,
War ich so elend nicht.
Die Post

Von der Straße her ein Posthorn klingt.
Was hat es, daß es so hoch aufspringt,
Mein Herz ?

Die Post bringt keinen Brief für dich.
Was drängst du denn so wunderlich,
Mein Herz ?

Nun ja, die Post kommt aus der Stadt,
Wo ich ein liebes Liebchen hat,
Mein Herz !

Willst wohl einmal hinüberseh´n
Und fragen, wie es dort mag geh´n,
Mein Herz ?
Der greise Kopf

Der Reif hatt´ einen weißen Schein
Mir übers Haar gestreuet;
Da glaubt´ ich schon ein Greis zu sein
Und hab´ mich sehr gefreuet.

Doch bald ist er hinweggetaut,
Hab´ wieder schwarze Haare,
Daß mir´s vor meiner Jugend graut –
Wie weit noch bis zur Bahre !

Vom Abendrot zum Morgenlicht
Ward mancher Kopf zum Greise.
Wer glaubt´s ? und meiner ward es nicht
Auf dieser ganzen Reise !
Die Krähe

Eine Krähe war mit mir
Aus der Stadt gezogen,
Ist bis heute für und für
Um mein Haupt geflogen.

Krähe, wunderliches Tier,
Willst mich nicht verlassen ?
Meinst wohl, bald als Beute hier
Meinen Leib zu fassen ?

Nun, es wird nicht weit mehr geh´n
An dem Wanderstabe.
Krähe, laß mich endlich seh´n
Treue bis zum Grabe !
Letzte Hoffnung

Hie und da ist an den Bäumen
Manches bunte Blatt zu seh´n,
Und ich bleibe vor den Bäumen
Oftmals in Gedanken steh´n.

Schaue nach dem einen Blatte,
Hänge meine Hoffnung dran;
Spielt der Wind mit meinem Blatte,
Zittr´ ich, was ich zittern kann.

Ach, und fällt das Blatt zu Boden,
Fällt mit ihm die Hoffnung ab;
Fall´ ich selber mit zu Boden,
Wein´ auf meiner Hoffnung Grab.
Im Dorfe

Es bellen die Hunde, es rasseln die Ketten;
Es schlafen die Menschen in ihren Betten,
Träumen sich manches, was sie nicht haben,
Tun sich im Guten und Argen erlaben;

Und morgen früh ist alles zerflossen.
Je nun, sie haben ihr Teil genossen
Und hoffen, was sie noch übrig ließen,
Doch wieder zu finden auf ihren Kissen.

Bellt mich nur fort, ihr wachen Hunde,
Laßt mich nicht ruh´n in der Schlummerstunde !
Ich bin zu Ende mit allen Träumen.
Was will ich unter den Schläfern säumen ?
Der stürmische Morgen

Wie hat der Sturm zerrissen
Des Himmels graues Kleid !
Die Wolkenfetzen flattern
Umher im matten Streit.

Und rote Feuerflammen
Zieh´n zwischen ihnen hin;
Das nenn´ ich einen Morgen
So recht nach meinem Sinn !

Mein Herz sieht an dem Himmel
Gemalt sein eig´nes Bild –
Es ist nichts als der Winter,
Der Winter kalt und wild !
Täuschung

Ein Licht tanzt freundlich vor mir her,
Ich folg´ ihm nach die Kreuz und Quer;
Ich folg´ ihm gern und seh´s ihm an,
Daß es verlockt den Wandersmann.

Ach ! wer wie ich so elend ist,
Gibt gern sich hin der bunten List,
Die hinter Eis und Nacht und Graus,
Ihm weist ein helles, warmes Haus.

Und eine liebe Seele drin. –
Nur Täuschung ist für mich Gewinn !
Der Wegweiser

Was vermeid´ ich denn die Wege,
Wo die ander´n Wand´rer geh´n,
Suche mir versteckte Stege,
Durch verschneite Felsenhöh´n ?

Habe ja doch nichts begangen,
Daß ich Menschen sollte scheu´n, –
Welch ein törichtes Verlangen
Treibt mich in die Wüstenei´n ?

Weiser stehen auf den Straßen,
Weisen auf die Städte zu.
Und ich wandre sonder Maßen
Ohne Ruh´ und suche Ruh´.

Einen Weiser seh´ ich stehen
Unverrückt vor meinem Blick;
Eine Straße muß ich gehen,
Die noch keiner ging zurück.
Das Wirtshaus

Auf einen Totenacker
Hat mich mein Weg gebracht;
Allhier will ich einkehren,
Hab ich bei mir gedacht.

Ihr grünen Totenkränze
Könnt wohl die Zeichen sein,
Die müde Wand´rer laden
Ins kühle Wirtshaus ein.

Sind denn in diesem Hause
Die Kammern all´ besetzt ?
Bin matt zum Niedersinken,
Bin tödlich schwer verletzt.

O unbarmherz´ge Schenke,
Doch weisest du mich ab ?
Nun weiter denn, nur weiter,
Mein treuer Wanderstab !
Mut

Fliegt der Schnee mir ins Gesicht,
Schüttl´ ich ihn herunter.
Wenn mein Herz im Busen spricht,
Sing´ ich hell und munter.

Höre nicht, was es mir sagt,
Habe keine Ohren;
Fühle nicht, was es mir klagt,
Klagen ist für Toren.

Lustig in die Welt hinein
Gegen Wind und Wetter !
Will kein Gott auf Erden sein,
Sind wir selber Götter !
Die Nebensonnen

Drei Sonnen sah ich am Himmel steh´n,
Hab´ lang und fest sie angeseh´n;
Und sie auch standen da so stier,
Als wollten sie nicht weg von mir.

Ach, meine Sonnen seid ihr nicht !
Schaut ander´n doch ins Angesicht !
Ja, neulich hatt´ ich auch wohl drei;
Nun sind hinab die besten zwei.

Ging nur die dritt´ erst hinterdrein !
Im Dunkel wird mir wohler sein.
Der Leiermann

Drüben hinterm Dorfe
Steht ein Leiermann
Und mit starren Fingern
Dreht er was er kann.

Barfuß auf dem Eise
Wankt er hin und her
Und sein kleiner Teller
Bleibt ihm immer leer.

Keiner mag ihn hören,
Keiner sieht ihn an,
Und die Hunde knurren
Um den alten Mann.

Und er läßt es gehen,
Alles wie es will,
Dreht, und seine Leier
Steht ihm nimmer still.

Wunderlicher Alter !
Soll ich mit dir geh´n ?
Willst zu meinen Liedern
Deine Leier dreh´n ?

[ gopera ]

Herz und Gerhard Götzen – Krähe mit Schnee und Franz Schubert

One Screen App:


Scroll Screen App:

Schubert & Gerhard Götzen – Die Winterreise – Interpretation und Ambiente – complet

…was will ich unter den Schläfern säumen? Gedanken zu Schuberts Winterreise

Der folgende Text zeichnet einen Vortrag mit Musikbeispielen nach, der vor der Aufführung der Winterreise durch Markus Haas (Bariton) und den Autor am 6.6.´98 im Kloster Zangberg als Einstimmung für das Konzertpublikum gehalten wurde. Publikation (im Druck) bei der Guardini-Stiftung Berlin.

Eine unglückliche Geschichte

Zwischen zwei jungen Menschen zerbricht eine aufkeimende Beziehung. Er, ein Wandergesell, verläßt enttäuscht das Städtchen seiner Liebe, fortgejagt und erstarrt in unterdrückten Emotionen. Der Winter bricht herein. Immer wieder träumt er sich in die verlorene Vergangenheit hinein, heiße Sehnsucht flammt auf und erstirbt wieder in der klirrenden Kälte seiner Realität. Resigniert läßt er sich in die Irre führen und findet schließlich ermattet einen Schlupfwinkel. Doch das gequälte Herz kommt nicht zur Ruhe: wieder suchen ihn verlockende Träume heim, Todessehnsucht kommt auf. Schon verfolgt ihn eine Krähe, die den nahen Tod wittert, und seine letzte Hoffnung fällt mit einem welken Blatt zu Boden. Nachts durchquert er ein schlafendes Dorf und erkennt sich entgültig als ein Ausgestoßener. Nach einem stürmischen Morgen geleitet ihn ein Wegweiser zu einem Friedhof. Doch seine Sehnsucht wird nicht gestillt, er kann noch nicht sterben. Mit einem neuen trotzigen Aufbegehren zieht er weiter – und trifft schließlich in einem alten Leiermann seinen musikalischen Weggefährten.

Soweit die Fabel dieser mißglückten Liebe und einer Irrfahrt, einer Reise nach Nirgendwo. Wenn wir dem Reigen Wilhelm Müllers düsterer Texte im Gewande der Musik Schuberts folgen, so verstehen wir in der Regel jedes Wort und jeden Ton. Der unmittelbare Sinn sowie die Logik und Emotionalität der plastischen Komposition erschließen sich uns augenblicklich. Wozu also eine Einführung, eine Einstimmung auf das Hörerlebnis? Und warum erleben wir eine große Aufführung der Winterreise als so über die Maßen bis in die Wurzeln erschütternd? — Doch hören wir Schubert selbst nach einem Bericht von J. von Spaun(1):

“Schubert war durch einige Zeit düster gestimmt und schien angegriffen. Auf meine Frage, was in ihm vorgehe, erwiderte er: ´Nun, ihr werdet bald hören und begreifen.´ Eines Tages sagte er zu mir: ´Komme heute zu Schober, ich werde euch einen Kranz schauerlicher Lieder vorsingen. Ich bin begierig zu hören, was ihr dazu sagt. Sie haben mich mehr angegriffen, als dieses je bei anderen Liedern der Fall war.´ – Er sang uns nun mit bewegter Stimme die ganze Winterreise durch. Wir waren durch die düstere Stimmung dieser Lieder ganz verblüfft, und Schober sagte, es habe ihm nur ein Lied, Der Lindenbaum , gefallen. Schubert sprach hierauf nur: ´Mir gefallen diese Lieder mehr als alle, und sie werden euch auch noch gefallen…´

Dieser Stellenwert der Winterreise in Schuberts Leben, diese außerordentliche Wirkung auf die Hörer erschließen sich unserem Verständnis offensichtlich nicht auf der soeben skizzierten Ebene der Geschichte. Erlauben wir uns daher zunächst einen genaueren Blick auf die Inhalte und Bilder der Texte.

Fragen über Fragen

“Der Mai war mir gewogen / mit manchem Blumenstrauß./ Das Mädchen sprach von Liebe,/ die Mutter gar von Eh´…” heißt es im Rückblick auf die rosige Vergangenheit in der ersten Strophe. “Und auf den weißen Matten…” – inzwischen ist es also Winter – “Was soll ich länger weilen,/ daß man mich trieb hinaus?”: Er geht also, bevor es zum Eklat kommt. Was ist geschehen? Sind tatsächlich sechs Monate vergangen? Und dann die rätselhafte Zeile: “Laß irre Hunde heulen/ vor ihres Herren Haus;” Warum vergleicht er sich mit einem Hund ? Wer ist der metaphorische Herr ? (Das Bild des Hundes begegnet uns wieder im Lied Nr.17 – “Bellt mich nur fort, ihr wachen Hunde…”- als mit den Herren Verbündete.) “Will dich im Traum nicht stören, wär schad um deine Ruh,…”: Hier vollzieht die Musik einen auffälligen Wechsel nach Dur [Klavierspiel]. Die Stimmung ist sehr zart, liebevoll. Ist dies trotz der geschehenen Kränkungen ein versöhnlicher Abschied? Was kann der Grund für die Trennung sein? Das zweite Lied, die Wetterfahne , nennt uns einen Grund, der anscheinend ganz und gar nicht zur Atmosphäre dieses Abschiedes passt: “….So hätt er nimmer suchen wollen/ im Haus ein treues Frauenbild.” Also sie war untreu. Und dann dieser liebevolle Gruß? “Der Wind spielt mit der Wetterfahne/ auf meines schönen Liebchens Haus./ …Der Wind spielt drinnen mit den Herzen,/ wie auf dem Dach…”- sogar aus Gewohnheit untreu – “Er hätt es eher bemerken sollen,/ des Hauses aufgestecktes Schild,…” – und obendrein durch ein Schild gekennzeichnet (ist es die Wetterfahne?)! Das klingt nach Prostitution. “Ihr Kind ist eine reiche Braut.”– ist unser Protagonist nicht standesgemäß, oder ist dies eine Anspielung auf den Geschäftserfolg? In jedem Falle erscheint “Fühlst du meine Tränen glühen,/ da ist meiner Liebsten Haus.” in der Nr.6 hiernach geradezu fantastisch blauäugig und im paradoxen Kontrast zum Realismus vieler übriger Textstellen.

Erstaunlicherweise wiederholt sich der Abschied, mit dem der Zyklus beginnt. Nun sind solche Zeitschnitte und Rückblenden in Gedichtzyklen durchaus nichts befremdliches: Nachdem der Protagonist sechs Lieder lang im Umfeld der verlorenen Liebe herumstreicht und von Erinnerungen gepeinigt wird, folgt der alptraumhafte entgültige Hinauswurf in der Nr.8: “Es brennt mir unter beiden Sohlen,/ tret ich auch schon auf Eis und Schnee,/ Ich möcht nicht wieder Atem holen,/ bis ich nicht mehr die Türme seh.// Hab mich an jedem Stein gestoßen ,/ so eilt ich zu der Stadt hinaus;/ die Krähen warfen Bäll und Schloßen / auf meinen Hut von jedem Haus.” Was für eine Szene! Offensichtlich heller Tag, panische Flucht, kein zarter Liebesgruß. Und diese Krähen sind gewiß nicht gefiedert und beschnäbelt – aber wer sind sie dann? Als Erzählung ergeben diese beiden Versionen von Abschied jedenfalls keinen Sinn. Hatten wir bislang vielleicht noch den Eindruck, daß es trotz der Unstimmigkeiten dennoch in erster Linie um eine verlorene Liebe geht, so befremdet die Entdeckung, daß die “Geliebte” von Lied Nr.14 an keinerlei Erwähnung mehr findet. Mehr noch: Außer daß sie in einem Haus wohnt und eine Mutter hat, wissen wir nichts von dieser Geliebten. Im Gegensatz zur “schönen Müllerin”, die blond und blauäugig und schön ist, hat diese Geliebte kein Gesicht , ist offensichtlich nur eine metaphorische Hülle . Und nun, gegen Ende des Zyklus, häufen sich die Rätsel: In Nr.22 tritt für einen Augenblick plötzlich das persönliche ich des Protagonisten zurück: “Will kein Gott auf Erden sein,/ sind wir selber Götter!” Mit wem solidarisiert sich hier unser Prototyp des Ausgestoßenen? In der Nr.23 ist von den drei rätselhaften Nebensonnen die Rede: “Ging nur die dritt´ erst hinterdrein,/ im Dunkeln wird mir wohler sein.” Was haben diese Sonnen mit der Liebesgeschichte zu tun? Und schließlich der offene Schluß mit der Frage an den mysteriösen Leiermann: “Wunderlicher Alter,/ soll ich mit dir gehn?/ Willst zu meine Liedern/ deine Leier drehn?”

Leben im Dauerfrost: Die Restauration

Um dieses Bündel von Fragen einzukreisen, werfen wir einen Blick auf die soziale und politische Situation, in der sich Schubert und viele seiner künstlerischen Zeitgenossen behaupten mußten. Die Französische Revolution 1789 wurde von vielen Intellektuellen und Künstlern unter der repressiven Herrschaft Franz II. als Aufbruch, als Hoffnung erlebt, Napoleon als Idol einer neuen Gesellschaft gesehen. Mit dessen Rückfall in ein reaktionäres Regime und den Eroberungskriegen ab 1809 entlarvten sich die Hoffnungen als Illusionen. Waren die Befreiungskriege 1813/14 noch von Enthusiasmus und einem Aufschwung der neuen bürgerlichen Kunst begleitet – in jener Zeit brach Schuberts kompositorisches Talent mit fast 300 Kompositionen hervor – so erstarb das öffentlich-geistige Leben unter der erstickenden Metternich´schen Politik nach dem Wiener Kongreß 1815 mehr und mehr. In dieser Zeit der Restauration der alten Werte wuchert die Skepsis gegenüber allen modernen, liberalen Ideen. Der Mord an dem Schriftsteller Kotzebue durch den Studenten Sand 1819 liefert Metternich endlich den willkommenen Anlaß, das unliebsame intellektuelle Treiben durch die Karlsbader Beschlüsse in der Öffentlichkeit bis unter den Nullpunkt zu gefrieren: Mehr als 10 000 “Geheimpolizisten” aus den unteren Schichten, also jeder zwanzigste Wiener, tragen der Regierung Informationen zu. Ein Fünftel davon sind intellektuelle Agenten, die das gesamte kulturelle Leben kontrollieren – teils als gewissenlose Handlanger der Machthaber, teils als Doppelagenten wider Willen. Jede öffentliche Aktivität wird überwacht, die öffentliche Rede und die Druckmedien unterliegen einer scharfen Zensur(2).

Wilhelm Müller, der Textdichter und fast altersgleiche Zeitgenosse Schuberts, erleidet die gleiche Enttäuschung über die politische Entwicklung. Aber für die spitzen Zungen solch unermüdlicher Regimekritiker finden sich Mittel und Wege, ihre Pfeile aus dem Hinterhalt zu verschießen: Es bildet sich eine intellektuelle Untergrundbewegung aus, die sich durch die undichten Maschen des Zensurnetzes hindurch auszutauschen erlernt, durch einen Schwarzmarkt verbotener Schriften, durch geheime Knotenpunkte der mündlichen Propaganda und durch eine zensurunverdächtige, doch den Gesinnungsgenossen wohlbekannte “Verschlüsselung” der Sprache. Müller war offensichtlich Meister dieses Genres. Die 1820 – 1824 veröffentlichten Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten , sie enthalten neben der Winterreise und der Schönen Müllerin noch Tafellieder für Liedertafeln , erschienen in der 1822 verbotenen Leipziger Literaturzeitschrift Urania – Anlaß für das Verbot war ausgerechnet ein Text Wilhelm Müllers(3). Schubert entdeckt die ersten 12 Gedichte der Winterreise 1823 ebendort – er muß sich diese Zeitschrift also illegal verschafft haben: Auch Besitz und Lektüre standen unter Strafe. Die Gesamtveröffentlichung von 1824 fällt ihm erst 1827 in die Hände, nachdem der erste Teil bereits vertont ist. Frieder Reininghaus demonstriert an dem Gedicht Des Finken Abschied aus den Tafelliedern die Technik der Verschlüsselung, meist durch harmlos klingende Natur-Metaphern(3):

Es saß ein Fink auf grünem Zweig,
Der war so frisch und blätterreich,
Und sang wohl Dies und Jenes:
Durch Lenz und Sommer und Herbst er sang,
Hätt da gesungen sein Leben lang,
Wär nicht der Winter kommen.

In der zweiten Strophe taucht unvermittelt ein Begriff aus einer anderen Welt auf:

Da geht im Hain des Schüttelns los,
Und flugs steht Alles blank und bloß,
Bis auf den Zweig des Finken.
Jetzt, naseweises Vöglein, flieh´!
Mit solcher Staatsökonomie
Da ist nicht viel zu spaßen.

Und schließlich wird offensichtlich, wovon die Rede ist:

Und´s Vöglein flog und sang: Ade!
Da warf der Winter Reif und Schnee
Ihm hinterdrein, und traf´s nicht.
Der Finke lacht aus voller Kehl´:
Bewahre Gott jede Christenseel´
Vor diesem Landesvater!

[ Achim Goeres ]

Franz Schubert Winterreise im Kloster Zangberg mit Krähe

One Screen App:


Scroll Screen App:

Schubert & Gerhard Götzen – Die Winterreise – Interpretation und Ambiente 3

Im Hochmoor der Ausweglosigkeit

Der Tenor Werner Güra überwältigt mit Schuberts “Winterreise”
Der Winterreisende leidet unter Hallizunationen

Seit Menschengedenken herrscht unter Astronomen, Meteorologen, Reifenherstellern und Uhrenbesitzern Uneinigkeit, wann der Winter beginnt: wenn die Sonne ihren mittäglichen Tiefststand über dem Horizont hat, wenn der Dezember anbricht, wenn der erste Schnee fällt oder wenn die Uhren zurückgestellt werden? Bei Franz Schubert beginnt der Winter in Takt 29 eines Lieds mit dem Titel Gute Nacht. Ein Mann ist fremd eingezogen und zieht bald wieder aus, aus der Liebe wird nichts, die Welt ist trübe und »der Weg gehüllt in Schnee«. Die Schritte sind Achtelnoten, die durch das ganze Lied pochen. Sie sind auch der Herzschlag des lyrischen Ichs, das 24 Lieder lang eine Reise ohne Wiederkehr unternimmt – die Winterreise von Franz Schubert, das von Wilhelm Müller zu einem Gedichtzyklus geweitete Psychogramm einer Todessehnsucht.

Es ist die Liebe zu einem Mädchen, die hier stirbt, und der Reisende beschließt in jugendlicher Verzweiflung, eine Straße zu gehen, »die noch keiner ging zurück«. Im Dunkeln werde ihm gewiss wohler sein, singt er am Ende. Schon unterwegs sehnt er sich nach ewiger Ruhe unter dem Lindenbaum, spürt Gefrorene Tränen im Gesicht, sucht im Schnee nach »ihrer Tritte Spur« und hat überdies zahlreiche Halluzinationen: ein Irrlicht, einen Frühlingstraum, Blumen im Schnee, einen freundlichen Postboten, der Briefe von ihr bringt; einmal dient sich ein Totenacker als Ruhestätte an. Einzig eine Krähe und der Wanderstab begleiten den Moribunden. Kurz vor seinem poetischen Hingang erscheinen ihm noch Nebensonnen und ein Leiermann, letzte Fantome bereits jenseits der Realität.

Ein Sänger benötigt intellektuelle Reserven für die Distanzen, die der Zyklus zurücklegt, mehr noch bedarf es seiner Einfühlung in Schuberts Schlichtheit. Obwohl sie so lange dauert wie manche Oper, ist die Winterreise keine, sie hat kaum Ausbrüche, kaum dramatische Prozesse. Schnell zirkulierende Verläufe wie in Erstarrung, die an den Rand der Atemlosigkeit geraten, sind die Ausnahme. Liedhaftes Melos über Schuberts wunderbar dürrem Klaviersatz beschreibt die Atmosphäre einer fast seligen Trostlosigkeit. Die Einstiche der Schmerzen setzt Schubert unter die Haut, nicht in den Muskel.

Lange hat keiner diesen unerhörten Zyklus so ergreifend gesungen wie jetzt der Tenor Werner Güra, so enthusiastisch und mit solch sicherem Gespür für jene Gefährdung, die hier alles und jeden überschattet. Güra, 1964 in München als Sohn eines Tubisten des Staatsopernorchesters geboren, hat sich in den vergangenen Jahren phänomenal entwickelt. Er trifft Schuberts Ton hinreißend, er hat die Träne der Sängerkunst im Knopfloch, den Jubel in der Kehle und weiß doch, dass er das Geviert der intimsten Kammermusik nicht verlassen darf. Herrlich seine Beweglichkeit in der Wetterfahne, geradezu schmelzend die Rührung, die ihn im Rückblick bei der Erinnerung überkommt, da »zwei Mädchenaugen glühten«.

Nachdem Güra ausgerechnet im Eingangslied noch zu viel Detailfreude und manche übertriebene Wortbetonung zum Besten gab, gewinnt seine Winterreise zunehmend an Dichte und zugleich an Reflexion: Hier geht einer sehenden Auges ins Hochmoor der Ausweglosigkeit. Auf einem Rönisch-Flügel von 1872 begleitet Christoph Berner mit der virtuosen Euphorie des Mitwissers und der ernsten Miene eines Vertrauten, der weiß, dass er den Freund nicht aufhalten kann. Berner lässt seine leeren Quinten im Leiermann nicht fallen, sie schleichen und wehen wie ein ewiger Ton durchs Lied, der von einer winterlich verstimmten Friedhofsorgel tönt.

[ Christoph Berner ]

Franz Schubert und Gerhard Götzen mit Winterreise Werner Güra

One Screen App:


Scroll Screen App:

Schubert & Gerhard Götzen – Die Winterreise – Interpretation und Ambiente 1

Franz Schubert – „Die Winterreise”

Schuberts „Winterreise” ist im Herbst 1827 vollendet worden, doch 12 der 24 Lieder wurden schon zuvor veröffentlicht. Schlußpunkt dieser 1. Zyklushälfte bildet das Lied „Einsamkeit”.

Es setzt somit auch eine Art vorläufiges Ende.

Die „Winterreise” ist geprägt von Trauer, Lebensunlust und Sinnlosigkeit des Daseins. Daher resultieren auch die übermäßig vielen Lieder in Moll-Tonarten. In den ersten 12 Liedern sind lediglich zwei in Dur gehalten („Der Lindenbaum” und „Frühlingstraum”). Das Spiel in Moll war für Schubert ein Symbol seines eigenen Lebens. Es war ein Leben von Schwermut geprägt und von Krankheit gezeichnet. Schubert selbst hatte sein größtes Leid und vielleicht auch die größte Ehre seines Lebens erfahren, als er ein Jahr zuvor beim Tod Beethovens als Fackelträger dem Begräbnis beiwohnte. Der Tod seines Idols hatte ihn dabei schwer getroffen und ihm eine Last auferlegt, da er innerlich stets die Meinung vertrat, daß es niemanden geben könne, der Beethoven in kompositorischer Qualität überlegen sein würde. Er selbst fühlte sich jedoch mit diesem Erbe verbunden und sollte diesen Titel später auch in Anspruch nehmen.

Zu diesem Schicksalsschlag kam hinzu, daß Schuberts Typhuserkrankung immer weiter fortschritt, und er somit vermehrt unter Schmerzen zu leiden hatte.

Diese Qual des Lebens, zumal Schubert von seiner Art her nicht so herrschend und mächtig, wie ein Beethoven war, spiegelt sich in diesem Liederzyklus wider. Dem Abschluß der ersten Hälfte mit „Einsamkeit” geht ein Stück in A-Dur voraus: „Frühlingstraum”. Die Tonart A-Dur verspricht dabei Hoffnung, die sich aber als Täuschung herausstellen soll. Dieses Lied über den Traum von einer Liebe, welche Schubert ebenfalls nie vergönnt war, bildet den Prolog zum finalen „Einsamkeit”, welches die Grausamkeit der Realität und einen Aufschrei der schmerzenden Seele verkörpert.

Der Text von Wilhelm Müller umfaßt dabei 3 Strophen, die insgesamt eine Steigerung vollziehen: In der ersten Strophe ist es die Ankündigung des Unheils durch eine „trübe Wolke” sowie ein „mattes Lüftchen”. Dem schließt sich die zweite Strophe an, wo die Trägheit und Niedergeschlagenheit des Menschen deutlich wird, die durch die Einsamkeit hervorgerufen ist. Diese Einsamkeit kann dabei zweierlei ausgedeutet werden: Zunächst als Wunsch nach Liebe und Geborgenheit oder aber auch als Sinnbild der Einsamkeit, wenn sich das Leben von einem verabschiedet hat, z.B. durch eine unheilbare Krankheit.

Beide Bezüge lassen sich auch mit Schubert in Verbindung bringen, da sowohl Liebe als auch Krankheit ihn zu einem einsamen Menschen haben werden lassen.

Diese Einsamkeit des Menschen bricht dann in einem Schrei innerer Verzweiflung in der dritten Strophe heraus.

Es ist die Unvereinbarkeit dieses Menschen mit dieser Welt und letztendlich der Wunsch nach Erlösung – dem Tod.

Schubert versucht nun mit seiner Musik den Inhalt von Müllers Gedicht zu Unterstreichen.

Zentrum der Musik ist dabei in den ersten 14 Takten die Darstellung der Einsamkeit. Dabei ist auffällig, daß es anscheinend zu einem Konkurrenzkampf zwischen rechter und linker Hand kommt. Die rechte Hand kann dabei als Sinnbild des fröhlichen, unbeschwerten Lebens dienen, während die linke die Tiefen und Abgründe darstellt.

Im Vorspiel ist dabei zu beobachten, daß sich die rechte Hand der Linken annähert, was man als Sinnbild für die Wandlung des Lebens zum Schlechten deuten kann.

Schubert realisiert dabei das Gefühl der Einsamkeit u.a. durch wenig Tonbewegungen in Melodie und Begleitung. Zumeist sind es nur Primen oder Sekunden, die verwendet werden. Dieses verleiht dem Ganzen das Gefühl einer gewissen Monotonie, zumal der Grundton (h, da h-Moll), stets im Baß erhalten bleibt. Die Monotonie wird noch durch die Verwendung des Vorspiels, in leicht abgeänderter Form, als Begleitung unterstützt, zumal die Wirkung der Bindebögen in der Begleitung durch die Akzentuierung jedes einzelnen Tones aufgehoben wird und somit jeder Ton für sich alleine steht, also „einsam” ist.

Die kleinen Tonintervalle und der geringe Tonumfang der Melodiestimme von c´ bis c´´ verhindern auch das Erzeugen von Klängen, die durch große Spannung aus dieser Stimmung ausbrechen könnten.

Dies alles wird durch das gesetzte pianissimo noch unterstützt. Der leise Beginn des Lieder trägt dadurch den Charakter einer Stimme aus der Ferne, von Vergangenheit und Abschied und in dieser Kette fortgesetzt, im Zusammenspiel mit allen anderen Komponenten, das Gefühl der Einsamkeit.

Nachdem Schubert dem Hörer eine Strophenform während der ersten beiden Abschnitte (bis Takt 22) präsentiert, bricht er im dritten Teil aus und geht zur durchkomponierten Form über.

Damit wird auch der Übergang im Text deutlich gemacht. Während in den ersten beiden Strophen die Themen Einsamkeit (durch die Motive „Mattheit”, „Trübheit”) und Mensch im Zusammenspiel mit Natur und Gesellschaft bedeutend waren ist es nun der Aufschrei der gescholtenen Seele. Dem schließen sich dabei auch die Arten der Rezitation an: zunächst herrscht ein Erzählcharakter vor, der dann in einen klagenden, aufgewühlten Ausbruch übergeht.

Zudem ändert sich auch die Bedeutung der Klavierbegleitung: sie kommt in den Vordergrund.

Es erscheint nun, daß der Text mehr die Begleitung unterstützt, als umgekehrt, was zuvor eher umgekehrt erschien.

Die Begleitung der ersten beiden Strophen ist stark monoton und steht im Ziel, ein Motiv (Einsamkeit) bereits hier als leitendes Thema in den Vordergrund zu heben und unterstützt damit vorausgreifend die finale Aussage der zweiten Strophe.

Es folgt dann ein Spannungsbogen, realisiert durch eine chromatische Tonleiter, der den Weg bis zum Ausbruch der Seele verbildlicht.

Der dann darin geäußerte Schmerz wird von Schubert mit einem Wechsel zum forte und komplizierte Akkorde deutlich gemacht. Die innere Unruhe des Menschen wird durch Schichtakkorde und Triolen, sowie Tremolos deutlich gemacht. Insbesondere die Tremolos verdeutlichen die Sprunghaftigkeit und Zerrissenheit der Seele.

Nach der dritten Strophe kommt es dann jedoch zum Bruch mit Müllers Textvorlage: Eigentlich wäre hier das Lied zu Ende, doch Schubert entschließt sich, die dritte Strophe noch einmal zu wiederholen. Dazu hat er den gesamten vorherigen Abschnitt um eine Sekunde nach unten transponiert. Dies kann man auch als Bild des nach unten (in die Erde – zum Tod) hingezogenen Lebens betrachten.

Jedoch unterscheidet sich diese Wiederholung noch in einem entscheidenden Ton: In Takt 45 beginnt das Elend mit einem fis, statt dem erwarteten c. Dieser „Höchstton” im Stück markiert den finalen Spannungshöhepunkt – den Schrei in höchster Verzweiflung. Eventuell kann man hier auch schon das Todesereignis vermuten, da direkt nach dieser Phrase wieder ein Wechsel zum pianissimo stattfindet und das Lied mit einen kurzen Nachspiel (letztem Atemzug), welches dem Vorspiel ähnelt, endet. Zudem folgt diesem fis zugleich der tiefste Ton das Kontra-fis, daß alles in die tiefe reißt.

Besondere Emphase ist in diesem Abschnitt auf die Unterstreichung der Wörter „Ruhe” und „Licht” gelegt worden. Dies sind die unerträglichen Dinge im Leben dieses Menschen. Dies ist es, was sein Herz schmerzen läßt und es ihm am Ende zerreißt.

Die musikalische Umsetzung Schuberts ist dabei durch die Pause in der Begleitung nach „licht” bzw. auf die zweite Silbe von „Ruhe” geprägt.

Dieses kurze Aussetzen jeglicher Musik erzeugt eine Ruhe, die im Hörer das Verlangen nach einer Fortführung weckt. Diese erfolgt dann auch, jedoch in einem Intervall von einer kleinen Sekunde, was ein sehr dissonanten Klang erweckt und den Schmerz dieser Worte verdeutlicht.

Desweiteren wird diese zweite Zählzeit akzentuiert, um eine zusätzliche Verstärkung zu erzeugen.

Insgesamt gesehen ist „Einsamkeit” die Verbildlichung Franz Schuberts und von seinem Leiden. Schuberts Einsamkeit, die Schmerzen seiner Krankheit, die schwere Last nach dem Tod Beethovens – all das läßt sich hier wiederfinden.

Ebenso, wie die typischen Merkmale der Romantik. Der Bezug auf die geschichtlichen Ereignisse von 1789 und 1815 läßt sich in der dritten Strophe deutlich erkennen und die aufwendige Akkordstruktur in diesem Teil ist ebenfalls ein klares Merkmal der Romantik.

Schubert hätte hier bereits den Schlußpunkt seines Liederzyklus setzen können, denn die Dramatik und der abfallende Schluß geben dazu durchaus die Vorlage. Doch wie in der gesamten Romantik, soll auch hier das gesamte Leid des Menschen und auch die zeitliche Länge von Schuberts Leid zum Ausdruck kommen, weshalb nach dem Schluß von „Einsamkeit” der Zyklus mit „Die Post” wieder aufgenommen wird. Dieses Lied in Dur greift noch einmal die vergangene Liebe auf; zeigt wieder Leben im Herz und hält somit den Zyklus am Leben und führt ihn weiter in weiteres Leid, wobei die Täuschungen sich häufen und der Mensch immer tiefer in seine Verzweiflung läuft. Diese Häufung von Liedern in Dur (6 von 12) kann ebenfalls auf Schubert übertragen werden, wenn man sie als die Tage interpretiert, an denen die Hoffnung in ihm keimt auf weniger Schmerzen oder Erlösung. Es sind vielleicht die falschen Hoffnungen, an die man sich klammert, wenn man dem Ende nahe ist. Die „Winterreise” klingt dann schließlich mit dem „Leiermann” aus – ein Symbol für das immer wiederkehrende Leid und das Wandern im Kreis mit nur einem Ziel: dem Tod.

Bereits 1829 stirbt Schubert dann und findet damit vielleicht die Erlösung, die während des gesamten Zyklus herbeigesehnt wird.

[ Jens Koopmann ]

Franz Schubert und Die Winterreise – Beethoven und Natur

One Screen App:


Scroll Screen App:

Gerhard Götzen und Franz Schubert – Liebe im Winter Wetterfahne

Hochmoor der Ausweglosigkeit mit Werner Güra Christoph Berner

Liederzyklus mit Einsamkeit – Begleitung von Schmerz Leid und Tod

Franz Schubert mit Wind und Musik – Nun ist die Welt so trübe