Jalta Schauspielhaus Düsseldorf Staffan Valdemar Holm Bente Lykke Moeller 2

Im Schauspielhaus Düsseldorf fand die Premiere der Komödie Jalta statt (Lucas Svensson / Auftragswerk, Staffan Valdemar Holm, Bente Lykke Moeller, Stefan Schmidtke).
Der ehemalige Intendant des Schauspielhauses, Staffan Valdemar Holm, erklärte sich, an der Seite von Bente Lykke Moeller, zu einem kurzen Gespräch bereit.

Der schwedische Autor Lucas Svensson nimmt das reale Ereignis und durchmischt Fakten mit Fiktion zu einer Polit-Farce mit scharfem Blick auf die drei Protagonisten. Roosevelts Deutschlandbild ist geprägt von Kneipen, Luther, Brezeln und Lederhosen. Er schlägt vor, Deutschland in fünf Teile zu teilen, und Preußen — darin ist er sich mit Churchill einig — zu isolieren. Für Stalin sind wiederum Fragen der Umsiedlung und deutsche Technik von Interesse. Verhandelt wird in diesem Jalta alles, was die Geschichtsbücher an Machtkampf hergeben. Und so, wie die historischen Fakten im Laufe des Stückes immer mehr aus der uns bekannten Ordnung gerückt werden, erobern sich Texte aus der Bibel und bekannter Literatur wie Macbeth und Pippi Langstrumpf die Münder der Helden und breiten ein ganz und gar europäisches Dilemma aus: Ist unsere Demokratie nun ein Auslaufmodell geworden?

Regisseur Staffan Valdemar Holm wird die Machtspiele der Politiker und ihre vermeintliche Interessensgleichheit an der deklarierten Utopie von Freiheit und Demokratie hinterfragen.
(http://duesseldorfer-schauspielhaus.de/de_DE/Vorstellungen/Jalta.953812)

Staffan Valdemar Holm Schauspielhaus Düsseldorf Jalta

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Lucas Svensson Stefan Schmidtke – Bente Lykke Moeller Düsseldorf

Theater Düsseldorf Kultur Der Prozess Kafka Andrej Mogutschi Alexandra-Theater St. Petersburg Staffan Valdemar Holm Part 4

Im Theater Düsseldorf unter Staffan Valdemar Holm eröffnete der am Alexandra-Theater in St. Petersburg tätige Andrej Mogutschi die Spielzeit in der Düsseldorf Kultur mit der Inszenierung von “Der Prozess” nach Franz Kafka.
Andrej Mogutschi stellte sich im Foyer des Theater Düsseldorf in einem 30-minütigen Interview der Art-Journalistin Karin Schedler (ehem. WDR/SWF) (simultan übersetzt von Stefan Schmidtke)
Er bezog Stellung zu diversen schon in der Presse diskutierten Fragen und Kritik-Versuchen.

Düsseldorf sei für ihn eine Stadt, “inder man sich gut erholen könnte”. Diese Impression nähme er mit nach St. Petersburg.
Konkret angesprochen auf den Umstand, dass es sich bei Düsseldorf um eine Stadt der “bürgerlichen Mitte” handle, erzählte er “eine Geschichte” und zwar die Geschichte über das erste Zusammentreffen mit dem Düsseldorfer Freundeskreis Schauspielhaus Düsseldorf: ” … und plötzlich sagt einer der Herrschaften, die schon im fortgeschrittenen Alter waren, … mit seinen rheinländischen … und sagte allen, die da saßen: das ist Einer von uns … das ist doch die Heimat des Punks … die Stadt in der Joseph Beuys aktiv war …”.

Ebenfalls konkret stellte er die Wirkungskräfte der “bürgerlichen Mitte” heraus: ” … die bürgerliche Mitte ist die [ beste ] Mitte, aus der Moderne entsteht … ” und verweist auf die natürlicherweise bestehende Eigenartigkeit, ” … wenn bürgerliche Kunst in einem antibürgerlichen Establishment entstehen würde … “. Sie, die “bürgerliche Mitte”, böte die Grundlage, “um sich dort mit Aktionismus zu beschaeftigen”, so wie es in St. Petersburg auch geschähe.

Angesprochen auf den in der Presse diskutierten Aspekt, dass das Stück zu lang inszeniert sei, sagte er, dass er dies mit seiner Ausstatterin und Bühnenbildnerin Maria Tregubova diskutiert hätte: ” … sie hatte gesagt: 1:30 – ich hatte gesagt: vielleicht 1:50 … in anderhalb Stunden hätten wir nicht reingepasst mit unseren Gedanken, aber die drei Stunden reichen für das, was wir (sagen) wollen …”.

Bilder erdrücken Kafkas Text
VON ANNETTE BOSETTI (rp-online.de) – zuletzt aktualisiert: 17.09.2012 – 02:30
Düsseldorf (RP). Das Theater ist ein Universum. In diesem Universum liegt ein geiler Planet. Der einzige Nichtgeile auf diesem geilen Planeten ist Josef K., bekannt aus dem Romanfragment “Der Prozess”. Er wird sterben und bis zu dem Moment, da man ihm die Gurgel durchschneidet, nach der Frage seiner Schuld suchen. “Ein Mensch ist nie frei von Schuld”, heißt es bei Kafka.
In Düsseldorf zeichnet der russische Regisseur Andrej Mogutschi zur Spielzeiteröffnung die letzte Nacht von Josef K.”s Leben nach. Sein surreales Drei-Stunden-Theater ist weit entfernt von der Rekonstruktion der literarischen Vorlage, die aus 16 unnummerierten Einzelkapiteln besteht, ein Stationendrama ist einst Markenzeichen des Expressionismus. Zwei russische Autoren haben einen Subtext unter die dramatisierten Kafka-Fragmente von 1915 gelegt. So erlebt der Zuschauer vor allem die Fantasien, die Alpträume und Illusionen eines Mannes, dessen Leben kaleidoskopisch noch einmal zusammengesetzt wird. Ein “geiles” Welten-Puzzle in Schwarz-Weiß-Rot.

Josef K. wandert verhalten durch wundersame Welten, trifft auf Kuhherden und nackte Menschen, und einmal ruht er sich aus im Arm eines Riesenbabys. In diesem zutiefst poetischen Bild schließt sich der Lebenskreis, hier ist endlich Vergewisserung, und Angst bleibt außen vor. Doch es ist erst Halbzeit.

Der Finne Carl Alm spricht als Josef K. leise mit Akzent. Fräulein Bürstner (Patrizia Wapinska) läuft als Jungstudentin über die Bühne, Betty Freudenberg ist die dralle Leni, Sven Walser ein abgetakelter Advokat, Claudia Hübbecker die statuarische Mutter, Dirk Ossig ein fordernder Onkel. Moritz Löwe, Jonas Anders, Taner Sahintürk, Pierre Siegenthaler, Christian Ehrich, Jonas Kerl, Bettina Kerl und Markus Danzeisen sie alle nehmen sich zurück, bleiben der Maxime untergeordnet, die lautet: Es regiert das Bild. Daher fühlt sich “Der Prozess” viel zu lang an und lässt viel Literatur als Leerstelle. Das ist schade.

http://www.rp-online.de/region-duesseldorf/duesseldorf/nachrichten/kultur/bilder-erdruecken-kafkas-text-1.2996466

WDR 2 Die Kritiker – “Der Prozess”: Kafka in der Bilderflut
Von Stefan Keim
Das Düsseldorfer Schauspielhaus setzt gleich zum Saisonbeginn Maßstäbe – jedenfalls, was opulente Bilder angeht. Die Bearbeitung von Franz Kafkas Roman “Der Prozess” ist aber nur halb gelungen.

Der russische Starregisseur Andrej Mogutschi inszeniert den “Prozess” im Düsseldorfer Schauspielhaus. Die Bühne hebt und senkt sich, Kulissen fliegen hinein, Schauspieler gleiten auf einem Boot durch sich bewegende Traumlandschaften. Das Düsseldorfer Schauspielhaus setzt gleich zum Saisonbeginn Maßstäbe, was opulente Bilder angeht. Dennoch ist die Bearbeitung von Franz Kafkas Roman “Der Prozess” nur halb gelungen.
In den Mühlen eines undurchschaubaren Systems

Die Geschichte hat an Gültigkeit nicht verloren. Ein Angestellter namens Josef K. gerät in die Mühlen eines undurchschaubaren Systems. Er ist angeklagt, weiß aber nicht, wieso. Ein Prozess wird vorbereitet, wann er beginnt, steht in den Sternen. Konkret ändert sich in K.s Leben zunächst nichts, aber er weiß, dass er beobachtet wird. Er begegnet seltsamen Menschen, einem dekadenten Anwalt, willigen Frauen, einem geheimnisvollen Maler. Das Ende bleibt offen. Kafka hat den Roman nicht vollendet, es ist nicht einmal klar, in welcher Reihenfolge die einzelnen Kapitel gelesen werden sollen. Da bleibt viel Freiraum für eine Bühnenbearbeitung.
Starregisseur aus St. Petersburg

In Düsseldorf arbeitet nun ein russisches Team rund um den Starregisseur Andrej Mogutschi aus St. Petersburg. Er ist dort Hausregisseur am Nationaltheater, spielt aber mit der freien Gruppe, die er vor 23 Jahren gegründet hat, auch auf der Straße. Mogutschi ist ein Mann fürs große Spektakel, er hat auch schon eine Oper im Innenhof des Kreml inszeniert. In Düsseldorf greift er in die Vollen, zeigt einen Bilderrausch in Schwarzweiß und lässt einen 70köpfigen Bürgerchor aufmarschieren. Alle tragen dunkle Anzüge, schwarze Hüte und weiße Hemden wie Josef K. Doch entgegen den großen Ankündigungen bleibt die Rolle des Chores klein. Der Hauptdarsteller Carl Alm kommt aus Finnland, was man an manchen seltsamen Betonungen hört. Ein hagerer, großer Mann mit Bart, der meist kerzengerade auf der Bühne steht und nur einmal Gefühle zeigt. Da zertrümmert er einen Konzertflügel, in dessen Inneren staubige Puppen liegen. Dieser Mann ist ein wandelndes Rätsel, ein Fremder, was den Zugang zur Aufführung erschwert. Denn zum Mitfühlen lädt dieser Josef K. nicht ein.

http://www.wdr2.de/kultur/kritiker/kafka100.html

Der Prozess Andrej Mogutschi inszeniert Kafkas Roman in Düsseldorf als opulentes Bildertheater
Zum letzten Mal Psychologie! – von Guido Rademachers (nachtkritik.de)

Düsseldorf, 15. September 2012. Schon toll, was sich mit Drehbühne, Hubpodium, Video, feinster Lichttechnik und top ausgestatteten Werkstätten alles anstellen lässt. Für den russischen Regisseur Andrej Mogutschi so viel Tolles, dass es gleich den Spielplan sprengte. Seine Theaterversion von Kafkas “Der Prozess” war zumal sich die Wiedereröffnung des Großen Hauses in Düsseldorf nach Sanierungsarbeiten verzögert hatte wegen des enormen technischen Aufwands in der letzten Spielzeit nicht mehr zu realisieren. Jetzt wurde sie als Eröffnungspremiere der neuen Saison nachgereicht.

Das Ächzen der Maschinerie
Kaum eine Sekunde Ruhe für die Techniker. Ein Boot schwebt vor der Kassettentür eines Zimmers, über dessen Wand per Video projizierte Käfer kriechen. Zwei in Mädchenkleider vom Anfang des letzten Jahrhunderts gestopfte Männer radeln auf einem Tandem durch einen wattewolkenbehangenen Bühnenhimmel. Die Drehbühne schraubt sich hoch und runter und präsentiert Kuhherden, Weizenfelder, brennende Häuser. Ein Zug fährt vorbei an surrealen Traumlandschaften, an Seen und schneebedecktem Hochgebirge.

Alles geschieht beeindruckend perfekt, aber bei jedem Absenken eines Podests, bei jedem Anspringen der Drehbühne scheint ein Ächzen der Maschinerie mitzuklingen, das einem zuflüstern will, dass solches Bildertheater doch nur das schlechtere Kino ist. Besonders, wenn es Schauspieler nur als Kostümpuppen hinzu zu arrangieren weiß.

Was folgt, ist eine Last-Picture-Show. Eine in der Ästhetik entfernt an Tadeusz Kantor erinnernde Bilderserie, die eine grotesk-angestaubte Welt aus der Roman-Entstehungszeit von 1914/1915 zeigt und ihrerseits wiederum vollgepumpt ist mit psychoanalytischen Motiven. Damit hat sich die Blickrichtung im Vergleich zum Roman umgekehrt. Dort stand Josef K. unter Beobachtung; jetzt fällt sein bereits toter Blick auf die Welt. Im Zentrum, in dem der Protagonist stand, bleibt eine Leerstelle zurück, die auch der bühnentechnische Overkill der Inszenierung nicht mehr zu schließen vermag.

5. Der Prozess, Düsseldorf: nicht grundlos bekannt
Schauspieler als Kostümpuppen? Der Hauptdarsteller hat den Sinn noch nicht verstanden? Mal ein bisschen Slapstick, mal eine kleine Gesangsperformance?
Der hochkompetente Theaterkritiker Herr Rademachers könnte sich vor der Verfassung seines Verrisses wenigstens die Mühe machen, Informationen (z.B. aus dem ausführlichen Programmheft) über die Intention des Regisseurs zu dieser Inszenierung einzuholen. Mogutschi ist nicht grundlos bekannt und vielfach ausgezeichnet für seine eigenwilligen Inszenierungen. Wie ignorant und arrogant darf (muss?) Kritik eigentlich sein, um sich als solche zu bezeichnen?
Statist ,

http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=7237:der-prozess-andrej-mogutschi-inszeniert-kafkas-roman-in-duesseldorf-als-opulentes-bildertheater&catid=38:die-nachtkritik&Itemid=40

Der Prozess in Düsseldorf mit Josef K. – Kafka und Mogutschi

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Schauspiel Düsseldorf Kultur Carl Alm Staffan Valdemar Holm Der Prozess Kafka Andrej Mogutschi Stefan Schmidtke Part 3

Im Schauspiel Düsseldorf unter Staffan Valdemar Holm eröffnete Andrej Mogutschi die Spielzeit mit der Inszenierung des Roman-Fragments “Der Prozess” nach Franz Kafka.
Im Foyer des Schauspielhaus Düsseldorf stellte sich Andrej Mogutschi in einem 30-minütigen Interview der Art-Journalistin Karin Schedler (ehem. WDR/SWF) (simultan übersetzt von Stefan Schmidtke)
Er bezog Stellung zu diversen schon in der Presse diskutierten Fragen und Kritik-Versuchen.

In verschiedenen Medien wurde angemerkt, dass der Hauptdarsteller Carl Alm als Josef K. “leise mit Akzent” spräche. Insofern war Mogutschi wichtig, dass “Josef K. ein anderer ist, dass er nicht einem anderen um sich herum ähnele”.
Angesprochen auf seine Vita und insbesondere seine Ausbildung und Tätigkeit am Luftfahrtinstitut vermerkt er: dass “das, was ich tue – im besten Sinne des Wortes – von Herzen ist … und das, was ich verarbeite, ist ehrlich … und immer was ich fühle und ich wahrnehme kann ich auch nur zeigen … aber ich bin so wie ich bin … vielleicht ist das damit verbunden, dass ich und meine Kinder Jahre auf Kuba lebten … Kuba – da gibt es – Kommunismus – Katholizismus – Voodooismus”. Und das wäre schwierig “unter einen Hut” zubringen.

Konkret angesprochen auf den Umstand, dass es sich bei Düsseldorf um eine Stadt der “bürgerlichen Mitte” handle, erzählte er “eine Geschichte” und zwar die Geschichte über das erste Zusammentreffen mit dem Düsseldorfer Freundeskreis Schauspielhaus Düsseldorf: ” … und plötzlich sagt einer der Herrschaften, die schon im fortgeschrittenen Alter waren, … mit seinen rheinländischen … und sagte allen, die da saßen: das ist Einer von uns … das ist doch die Heimat des Punks … die Stadt in der Joseph Beuys aktiv war …”.

Ebenfalls konkret stellte er die Wirkungskräfte der “bürgerlichen Mitte” heraus: ” … die bürgerliche Mitte ist die [ beste ] Mitte, aus der Moderne entsteht … ” und verweist auf die natürlicherweise bestehende Eigenartigkeit, ” … wenn bürgerliche Kunst in einem antibürgerlichen Establishment entstehen würde … “. Sie, die “bürgerliche Mitte”, böte die Grundlage, “um sich dort mit Aktionismus zu beschaeftigen”, so wie es in St. Petersburg auch geschähe.

Kafka in Düsseldorf
Mogutschi inszeniert “Der Prozess” – Erstellt 17.09.2012
Von Dorothea Hülsmeier (rundschau-online.de)

Düsseldorfs Intendant Holm vertraute die Spielzeiteröffnung dem St. Petersburger Avantgarde-Regisseur Mogutschi an, der in Russland für effektvolle und bildkräftige Inszenierungen bekannt ist. Und so brachte er auch hier das Theater zum “Explodieren”.

Spätestens als eine überlebensgroße Babypuppe am Flügel sitzt, Josef K. das Klavier zertrümmert, staubige weiße Puppen herausfleddert, eine weiße Fassade zerschneidet und einen Kuhstall zum Vorschein bringt, versteht man, was der Düsseldorfer Intendant Staffan Valdemar Holm meinte. Der sagte nämlich, der russische Regisseur Andrej Mogutschi bringe das Theater zum “Explodieren”. So ähnlich war es dann auch bei der Schauspielhaus-Premiere vom “Prozess” nach dem Romanfragment von Franz Kafka.

Holm vertraute die Spielzeiteröffnung dem St. Petersburger Avantgarde-Regisseur Mogutschi an, der in Russland für effektvolle und bildkräftige Inszenierungen bekannt ist. In Düsseldorf nutzte Mogutschi die Bühnentechnik weidlich aus und beschäftigte wochenlang mehr als 100 Leute vom Beleuchter bis zur Stuntfrau mit seiner aufwendigen und hochkomplexen Inszenierung.

Damit nicht genug. Eigens für den “Prozess” bildete Mogutschis Team aus 70 Düsseldorfern einen “Volksavantgardechor”. Alle bekamen für die Inszenierung einen Schnellkurs in Sprechen, Singen und Spielen. Gekleidet in schwarze Anzüge, mit schwarzen Hüten und weißen Handschuhen mischte sich der Chor schon vor der Aufführung und in der Pause unters Publikum, besetzte die ersten Reihen im Parkett und war immer überall dabei.

Es wäre natürlich ein Leichtes gewesen, daraus eine regimekritische Parabel der jüngsten Justizskandale in Russland zu machen. Aber Mogutschi, der erstmals Kafka inszenierte, wollte ausdrücklich “weder politisch oder sozialkritisch noch esoterisch oder philosophisch” an Kafka herangehen. Ihm gehe es “um die Frage des Todes”, sagte Mogutschi, und die gehe jeden an.

Vielleicht hat Mogutschi deshalb einen großen Laien-Chor gebildet, aus dem sich K. herausschält. Bevor es allerdings um den Tod geht, ist auf der Bühne eine Menge los. Collageartige Bühnenbilder, die Fotografie, Film und Texte Kafkas wie die Parabel “Vor dem Gesetz” zusammenführen, lassen die schauspielerische Leistung in den Hintergrund treten. Der phlegmatische Josef K., gespielt von Carl Alm, wird mitgerissen und als Marionette einer unbekannten höheren Macht schon am Anfang an Stahlseilen in sein Schicksal gehievt. Das Stück schwankt zwischen Slapstick, Groteske und deftiger Erotik. Grausames und Komisches vermischte auch Kafka (1883-1924), der das Kino liebte.

So ganz sicher war sich das Düsseldorfer Publikum nach drei Stunden nicht, was es nun von diesem russischen Kafka halten sollte. Aber der Applaus für alle dauerte dann viele Minuten, und am Schluss hieß es von einigen anerkennend: “Richtig Theater!” (dpa)

http://www.rundschau-online.de/kultur/kafka-in-duesseldorf-mogutschi-inszeniert–der-prozess-,15184894,17272980.html

Der Prozess – Schauspielhaus Düsseldorf – Kuba und Mogutschi

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Schauspielhaus Düsseldorf Der Prozess Kafka Andrej Mogutschi Staffan Valdemar Holm Stefan Schmidtke Part 1

Am Schauspielhaus Düsseldorf inszenierte Andrej Mogutschi unter Staffan Valdemar Holm das Roman-Fragment “Der Prozess” nach Franz Kafka.
In einem 30-minütigen Interview mit der Art-Journalistin Karin Schedler (ehem. WDR/SWF) stellte er sich zwei Tage nach der Premiere (15.09.2012).
Er bezog Stellung zu diversen schon in der Presse diskutierten Fragen und Kritik-Versuchen.
U.a. stellte Andrej Mogutschi einige kommentatorisch angeführte Kritikpunkte nicht nur klar (z.B. in der Lokal-Presse “Bilder erdrücken Kafkas Text”, “… viel zu lang an und lässt viel Literatur als Leerstelle. Das ist schade.”), sondern auch richtig: “Theater habe viel mehr Möglichkeiten auf Zuschauer zu wirken als nur der Text alleine – Theater sei ein Ort, an dem die Menschen das Kunstwerk mit vielen verschiedenen Sensoriken” wahrnähmen.
Er formuliert die eigentliche Zielsetzung und den inhaltlichen Fokus aus und was ihm persönlich an Kafka das Wichtigste sei: “Wir wollten uns auf den Menschen konzentrieren und auf die Probleme seiner inneren Welt – sein Leben, seine Liebe und den Tod”.
Er hätte “aus dem Stück auch eine regimekritische Parabel der jüngsten Skandale in Rußland machen können”.
Abgehalten habe ihn davon das “grunsätzliche Fehlen von künstlerischem Interesse an politischer Inszenierung”.
Nach seiner Meinung lebten die Menschen in Rußland “in einem Land, dass für sich genommen schon grandioses politisches Theater” wäre.

Was das Schauspielhaus Düsseldorf und dessen Intendanten Holm angehe, entgegnete er, dass es ihm gefalle “an Projekten zu arbeiten, in denen es eine Passion gibt, eine Energie …” und dass er “eine Inszenierung für eine Stadt (Düsseldorf) gemacht” habe und deshalb gäbe es “einen grossen Chor (Düsseldorfer Volksavantgarde Chor)und das wären Düsseldorfer …”. Das wäre ihre Inszenierung.
Zugleich interessiere er sich immer mehr für “Theater, das auf viele Menschen einwirkt und das die Wirklichkeit selber damit auch beeinflussen kann”.

Kafka das sind Träume einer im Sterben liegenden Menschheit. Ein Aufbäumen absterbenden Bewusstseins. Ein Griff danach, was schon nicht mehr ist und nicht mehr sein wird. Hoffnung wird zu Tod, daraus ersehnte Freiheit.
Andrej Mogutschi

Hochvergnügt ließ der begnadete Vorleser Franz Kafka seine Freunde erschaudern, wenn er neue Kapitel aus seinem Romanentwurf Der Prozess vortrug. Was andere entsetzte, amüsierte ihn teilweise so sehr, dass sich seine Heiterkeit in Überschwänglichkeit steigerte. Eine Eigenschaft, die man an Kafka sonst vermisste. Seine weltberühmt gewordene Geschichte vom Prozess gegen den ersten Prokuristen Josef K. ist Fragment geblieben. In immer wieder neuen Anordnungen sind die in seinem Nachlass überlieferten und eigentlich zur Vernichtung vorgesehenen Hefte veröffentlicht worden. Der russische Regisseur Andrej Mogutschi spürt der Verwicklung des Romanhelden Josef K. in Widersprüche um Fragen der Schuld und der Unschuld ebenso nach wie den ganz persönlichen Lebenslinien Kafkas. Die Untersuchung seiner Briefe und sogenannter amtlicher Schriften aus Kafkas Berufsalltag betreibt auch er als einen Prozess.
Andrej Mogutschi, geboren 1961 in Leningrad (St. Petersburg), ist einer der innovativsten Theaterregisseure Russlands. Von der experimentellen Arbeit mit seiner eigenen Truppe, als Formalny Teatr 1989 gegründet, über Oper, Neuen Zirkus, Massenspektakel bis hin zu Arbeiten an großen Schauspielhäusern Russlands, setzt er Klassiker und zeitgenössische Stücke formenreich in Szene. Die FAZ beschrieb ihn als «visionären Poeten». Wichtige Stationen sind seine Straßenperformance von Orlando Furioso in St. Petersburg, die international viel gezeigte und ausgezeichnete Inszenierung von Sascha Sokolows Schule der Dummen sowie eine Boris Godunow Operninszenierung im Hof des Kremlpalastes. Seit 2004 ist er Hausregisseur am Alexandra-Theater in St. Petersburg. Er erhielt mehrmals Die Goldene Maske, den wichtigsten russischen nationalen Theaterpreis. Im Jahr 2011 wurde er mit dem Europäischen Preis für Neue Theaterrealität geehrt.

(Pressestimmen)
Die Zuschauer kommen mit dem Schauen kaum nach, so viele Bilder bringt der Regisseur Andrej Mogutschi beeindruckend auf die Bühne. Ein solches Theatererlebnis hat es in Düsseldorf noch nicht gegeben. WZ, 17.9.12
Mogutschi hat den Inhalt mit den Autoren Alexander Artemov und Dimitrij Yushkov verschlankt, in Bilder übersetzt und bringt ihn als Szenenfolge nach Kafka auf die Bühne. Zugrunde liegt ein rein ästhetisches Konzept, konsequent verfolgt. NRZ, 17.9.12
Im Düsseldorfer Bühnenbild schweben die Schauspieler wie Marionetten, die Bühne dreht sich wie ein Karussell, große Wattewolken hängen von der Decke, Kakerlaken-Schatten laufen massenweise über eine weiße Wand. Am Schluss hieß es von einigen anerkennend: Richtig Theater! dpa, 16.9.12

http://duesseldorfer-schauspielhaus.de/de_DE/Vorstellungen/Der_Prozess.859993

Andrej Mogutschi im Schauspielhaus Düsseldorf mit Staffan Holm

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Düsseldorfer Volksavantgarde Chor mit Carl Alm Stefan Schmidtke im Schauspielhaus Düsseldorf Der Prozess Kafka Part 2

Andrej Mogutschi inszenierte mit dem Düsseldorfer Volksavantgarde Chor am Düsseldorfer Schauspielhaus (Düsseldorf) das Fragment-Stück “Der Prozess” nach Franz Kafka.
Zwei Tage nach der Premiere (15.09.2012) stellte sich Andrej Mogutschi in einem 30-minütigen Interview der Art-Journalistin Karin Schedler (Kulturjournalist & ehem. WDR/SWF).
(Simultan übersetzt wurde das Gespräch von dem Dramaturgen Stefan Schmidtke).
Er bezog Stellung zu diversen schon in der Presse diskutierten Fragen und Kritik-Versuchen.

Was das Schauspielhaus Düsseldorf und dessen Intendanten Holm angehe, entgegnete er, dass es ihm gefalle “an Projekten zu arbeiten, in denen es eine Passion gibt, eine Energie …” und dass er “eine Inszenierung für eine Stadt (Düsseldorf) gemacht” habe und deshalb gäbe es “einen grossen Chor (Düsseldorfer Volksavantgarde Chor)und das wären Düsseldorfer …”. Das wäre ihre Inszenierung.
Zugleich interessiere er sich immer mehr für “Theater, das auf viele Menschen einwirkt und das die Wirklichkeit selber damit auch beeinflussen kann”.

In verschiedenen Medien wurde angemerkt, dass der Hauptdarsteller Carl Alm als Josef K. “leise mit Akzent” spräche. Insofern war Mogutschi wichtig, dass “Josef K. ein anderer ist, dass er nicht einem anderen um sich herum ähnele”.

Bilder erdrücken Kafkas Text
VON ANNETTE BOSETTI (rp-online.de) – zuletzt aktualisiert: 17.09.2012 – 02:30
Düsseldorf (RP). Das Theater ist ein Universum. In diesem Universum liegt ein geiler Planet. Der einzige Nichtgeile auf diesem geilen Planeten ist Josef K., bekannt aus dem Romanfragment “Der Prozess”. Er wird sterben und bis zu dem Moment, da man ihm die Gurgel durchschneidet, nach der Frage seiner Schuld suchen. “Ein Mensch ist nie frei von Schuld”, heißt es bei Kafka.
In Düsseldorf zeichnet der russische Regisseur Andrej Mogutschi zur Spielzeiteröffnung die letzte Nacht von Josef K.”s Leben nach. Sein surreales Drei-Stunden-Theater ist weit entfernt von der Rekonstruktion der literarischen Vorlage, die aus 16 unnummerierten Einzelkapiteln besteht, ein Stationendrama ist einst Markenzeichen des Expressionismus. Zwei russische Autoren haben einen Subtext unter die dramatisierten Kafka-Fragmente von 1915 gelegt. So erlebt der Zuschauer vor allem die Fantasien, die Alpträume und Illusionen eines Mannes, dessen Leben kaleidoskopisch noch einmal zusammengesetzt wird. Ein “geiles” Welten-Puzzle in Schwarz-Weiß-Rot.

Josef K. wandert verhalten durch wundersame Welten, trifft auf Kuhherden und nackte Menschen, und einmal ruht er sich aus im Arm eines Riesenbabys. In diesem zutiefst poetischen Bild schließt sich der Lebenskreis, hier ist endlich Vergewisserung, und Angst bleibt außen vor. Doch es ist erst Halbzeit.
Der Finne Carl Alm spricht als Josef K. leise mit Akzent. Fräulein Bürstner (Patrizia Wapinska) läuft als Jungstudentin über die Bühne, Betty Freudenberg ist die dralle Leni, Sven Walser ein abgetakelter Advokat, Claudia Hübbecker die statuarische Mutter, Dirk Ossig ein fordernder Onkel. Moritz Löwe, Jonas Anders, Taner Sahintürk, Pierre Siegenthaler, Christian Ehrich, Jonas Kerl, Bettina Kerl und Markus Danzeisen sie alle nehmen sich zurück, bleiben der Maxime untergeordnet, die lautet: Es regiert das Bild. Daher fühlt sich “Der Prozess” viel zu lang an und lässt viel Literatur als Leerstelle. Das ist schade.

http://www.rp-online.de/region-duesseldorf/duesseldorf/nachrichten/kultur/bilder-erdruecken-kafkas-text-1.2996466

Andrej Mogutschi, geboren 1961 in Leningrad (St. Petersburg), ist einer der innovativsten Theaterregisseure Russlands. Von der experimentellen Arbeit mit seiner eigenen Truppe, als Formalny Teatr 1989 gegründet, über Oper, Neuen Zirkus, Massenspektakel bis hin zu Arbeiten an großen Schauspielhäusern Russlands, setzt er Klassiker und zeitgenössische Stücke formenreich in Szene. Die FAZ beschrieb ihn als «visionären Poeten». Wichtige Stationen sind seine Straßenperformance von Orlando Furioso in St. Petersburg, die international viel gezeigte und ausgezeichnete Inszenierung von Sascha Sokolows Schule der Dummen sowie eine Boris Godunow Operninszenierung im Hof des Kremlpalastes. Seit 2004 ist er Hausregisseur am Alexandra-Theater in St. Petersburg. Er erhielt mehrmals Die Goldene Maske, den wichtigsten russischen nationalen Theaterpreis. Im Jahr 2011 wurde er mit dem Europäischen Preis für Neue Theaterrealität geehrt.

http://duesseldorfer-schauspielhaus.de/de_DE/Vorstellungen/Der_Prozess.859993

Düsseldorfer Volksavantgarde Chor mit Andrej Mogutschi

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Andrej Mogutschi Düsseldorfer Schauspielhaus Düsseldorf Der Prozess nach Franz Kafka Full Version

Andrej Mogutschi inszenierte am Düsseldorfer Schauspielhaus (Düsseldorf) das Fragment-Stück “Der Prozess” nach Franz Kafka.
Zwei Tage nach der Premiere (15.09.2012) stellte sich Andrej Mogutschi in einem 30-minütigen Interview mit der Art-Journalistin Karin Schedler (Kulturjournalist & ehem. WDR/SWF).
(Simultan übersetzt wurde das Gespräch von dem Dramaturgen Stefan Schmidtke).
Er bezog Stellung zu diversen schon in der Presse diskutierten Fragen und Kritik-Versuchen.

U.a. stellte Andrej Mogutschi einige kommentatorisch angeführte Kritikpunkte nicht nur klar (z.B. in der Lokal-Presse “Bilder erdrücken Kafkas Text”, “… viel zu lang an und lässt viel Literatur als Leerstelle. Das ist schade.”), sondern auch richtig: “Theater habe viel mehr Möglichkeiten auf Zuschauer zu wirken als nur der Text alleine – Theater sei ein Ort, an dem die Menschen das Kunstwerk mit vielen verschiedenen Sensoriken” wahrnähmen.
Er formuliert die eigentliche Zielsetzung und den inhaltlichen Fokus aus und was ihm persönlich an Kafka das Wichtigste sei: “Wir wollten uns auf den Menschen konzentrieren und auf die Probleme seiner inneren Welt – sein Leben, seine Liebe und den Tod”.
Er hätte “aus dem Stück auch eine regimekritische Parabel der jüngsten Skandale in Rußland machen können”.
Abgehalten habe ihn davon das “grunsätzliche Fehlen von künstlerischem Interesse an politischer Inszenierung”.
Nach seiner Meinung lebten die Menschen in Rußland “in einem Land, dass für sich genommen schon grandioses politisches Theater” wäre.
Was das Schauspielhaus Düsseldorf und dessen Intendanten Holm angehe, entgegnete er, dass es ihm gefalle “an Projekten zu arbeiten, in denen es eine Passion gibt, eine Energie …” und dass er “eine Inszenierung für eine Stadt (Düsseldorf) gemacht” habe und deshalb gäbe es “einen grossen Chor (Düsseldorfer Volksavantgarde Chor)und das wären Düsseldorfer …”. Das wäre ihre Inszenierung.
Zugleich interessiere er sich immer mehr für “Theater, das auf viele Menschen einwirkt und das die Wirklichkeit selber damit auch beeinflussen kann”.
In verschiedenen Medien wurde angemerkt, dass der Hauptdarsteller Carl Alm als Josef K. “leise mit Akzent” spräche. Insofern war Mogutschi wichtig, dass “Josef K. ein anderer ist, dass er nicht einem anderen um sich herum ähnele”.
Angesprochen auf seine Vita und insbesondere seine Ausbildung und Tätigkeit am Luftfahrtinstitut vermerkt er: dass “das, was ich tue – im besten Sinne des Wortes – von Herzen ist … und das, was ich verarbeite, ist ehrlich … und immer was ich fühle und ich wahrnehme kann ich auch nur zeigen … aber ich bin so wie ich bin … vielleicht ist das damit verbunden, dass ich und meine Kinder Jahre auf Kuba lebten … Kuba – da gibt es – Kommunismus – Katholizismus – Voodooismus”. Und das wäre schwierig “unter einen Hut” zubringen.
Konkret angesprochen auf den Umstand, dass es sich bei Düsseldorf um eine Stadt der “bürgerlichen Mitte” handle, erzählte er “eine Geschichte” und zwar die Geschichte über das erste Zusammentreffen mit dem Düsseldorfer Freundeskreis Schauspielhaus Düsseldorf: ” … und plötzlich sagt einer der Herrschaften, die schon im fortgeschrittenen Alter waren, … mit seinen rheinländischen … und sagte allen, die da saßen: das ist Einer von uns … das ist doch die Heimat des Punks … die Stadt in der Joseph Beuys aktiv war …”.
Ebenfalls konkret stellte er die Wirkungskräfte der “bürgerlichen Mitte” heraus: ” … die bürgerliche Mitte ist die [ beste ] Mitte, aus der Moderne entsteht … ” und verweist auf die natürlicherweise bestehende Eigenartigkeit, ” … wenn bürgerliche Kunst in einem antibürgerlichen Establishment entstehen würde … “. Sie, die “bürgerliche Mitte”, böte die Grundlage, “um sich dort mit Aktionismus zu beschaeftigen”, so wie es in St. Petersburg auch geschähe.
Abgehoben auf den in der Presse diskutierten Aspekt, dass das Stück zu lang inszeniert sei, sagte er, dass er dies mit seiner Ausstatterin und Bühnenbildnerin Maria Tregubova diskutiert hätte: ” … sie hatte gesagt: 1:30 – ich hatte gesagt: vielleicht 1:50 … in anderhalb Stunden hätten wir nicht reingepasst mit unseren Gedanken, aber die drei Stunden reichen für das, was wir (sagen) wollen …”.

— P-Spiegel —

Kafka das sind Träume einer im Sterben liegenden Menschheit. Ein Aufbäumen absterbenden Bewusstseins. Ein Griff danach, was schon nicht mehr ist und nicht mehr sein wird. Hoffnung wird zu Tod, daraus ersehnte Freiheit.
Andrej Mogutschi

Hochvergnügt ließ der begnadete Vorleser Franz Kafka seine Freunde erschaudern, wenn er neue Kapitel aus seinem Romanentwurf Der Prozess vortrug. Was andere entsetzte, amüsierte ihn teilweise so sehr, dass sich seine Heiterkeit in Überschwänglichkeit steigerte. Eine Eigenschaft, die man an Kafka sonst vermisste. Seine weltberühmt gewordene Geschichte vom Prozess gegen den ersten Prokuristen Josef K. ist Fragment geblieben. In immer wieder neuen Anordnungen sind die in seinem Nachlass überlieferten und eigentlich zur Vernichtung vorgesehenen Hefte veröffentlicht worden. Der russische Regisseur Andrej Mogutschi spürt der Verwicklung des Romanhelden Josef K. in Widersprüche um Fragen der Schuld und der Unschuld ebenso nach wie den ganz persönlichen Lebenslinien Kafkas. Die Untersuchung seiner Briefe und sogenannter amtlicher Schriften aus Kafkas Berufsalltag betreibt auch er als einen Prozess.
Andrej Mogutschi, geboren 1961 in Leningrad (St. Petersburg), ist einer der innovativsten Theaterregisseure Russlands. Von der experimentellen Arbeit mit seiner eigenen Truppe, als Formalny Teatr 1989 gegründet, über Oper, Neuen Zirkus, Massenspektakel bis hin zu Arbeiten an großen Schauspielhäusern Russlands, setzt er Klassiker und zeitgenössische Stücke formenreich in Szene. Die FAZ beschrieb ihn als «visionären Poeten». Wichtige Stationen sind seine Straßenperformance von Orlando Furioso in St. Petersburg, die international viel gezeigte und ausgezeichnete Inszenierung von Sascha Sokolows Schule der Dummen sowie eine Boris Godunow Operninszenierung im Hof des Kremlpalastes. Seit 2004 ist er Hausregisseur am Alexandra-Theater in St. Petersburg. Er erhielt mehrmals Die Goldene Maske, den wichtigsten russischen nationalen Theaterpreis. Im Jahr 2011 wurde er mit dem Europäischen Preis für Neue Theaterrealität geehrt.
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(Pressestimmen)
Die Zuschauer kommen mit dem Schauen kaum nach, so viele Bilder bringt der Regisseur Andrej Mogutschi beeindruckend auf die Bühne. Ein solches Theatererlebnis hat es in Düsseldorf noch nicht gegeben. WZ, 17.9.12
Mogutschi hat den Inhalt mit den Autoren Alexander Artemov und Dimitrij Yushkov verschlankt, in Bilder übersetzt und bringt ihn als Szenenfolge nach Kafka auf die Bühne. Zugrunde liegt ein rein ästhetisches Konzept, konsequent verfolgt. NRZ, 17.9.12
Im Düsseldorfer Bühnenbild schweben die Schauspieler wie Marionetten, die Bühne dreht sich wie ein Karussell, große Wattewolken hängen von der Decke, Kakerlaken-Schatten laufen massenweise über eine weiße Wand. Am Schluss hieß es von einigen anerkennend: Richtig Theater! dpa, 16.9.12

http://duesseldorfer-schauspielhaus.de/de_DE/Vorstellungen/Der_Prozess.859993

Bilder erdrücken Kafkas Text
VON ANNETTE BOSETTI (rp-online.de) – zuletzt aktualisiert: 17.09.2012 – 02:30
Düsseldorf (RP). Das Theater ist ein Universum. In diesem Universum liegt ein geiler Planet. Der einzige Nichtgeile auf diesem geilen Planeten ist Josef K., bekannt aus dem Romanfragment “Der Prozess”. Er wird sterben und bis zu dem Moment, da man ihm die Gurgel durchschneidet, nach der Frage seiner Schuld suchen. “Ein Mensch ist nie frei von Schuld”, heißt es bei Kafka.
In Düsseldorf zeichnet der russische Regisseur Andrej Mogutschi zur Spielzeiteröffnung die letzte Nacht von Josef K.”s Leben nach. Sein surreales Drei-Stunden-Theater ist weit entfernt von der Rekonstruktion der literarischen Vorlage, die aus 16 unnummerierten Einzelkapiteln besteht, ein Stationendrama ist – einst Markenzeichen des Expressionismus. Zwei russische Autoren haben einen Subtext unter die dramatisierten Kafka-Fragmente von 1915 gelegt. So erlebt der Zuschauer vor allem die Fantasien, die Alpträume und Illusionen eines Mannes, dessen Leben kaleidoskopisch noch einmal zusammengesetzt wird. Ein “geiles” Welten-Puzzle in Schwarz-Weiß-Rot.

Josef K. wandert verhalten durch wundersame Welten, trifft auf Kuhherden und nackte Menschen, und einmal ruht er sich aus im Arm eines Riesenbabys. In diesem zutiefst poetischen Bild schließt sich der Lebenskreis, hier ist endlich Vergewisserung, und Angst bleibt außen vor. Doch es ist erst Halbzeit.
Der Finne Carl Alm spricht als Josef K. leise mit Akzent. Fräulein Bürstner (Patrizia Wapinska) läuft als Jungstudentin über die Bühne, Betty Freudenberg ist die dralle Leni, Sven Walser ein abgetakelter Advokat, Claudia Hübbecker die statuarische Mutter, Dirk Ossig ein fordernder Onkel. Moritz Löwe, Jonas Anders, Taner Sahintürk, Pierre Siegenthaler, Christian Ehrich, Jonas Kerl, Bettina Kerl und Markus Danzeisen sie alle nehmen sich zurück, bleiben der Maxime untergeordnet, die lautet: Es regiert das Bild. Daher fühlt sich “Der Prozess” viel zu lang an und lässt viel Literatur als Leerstelle. Das ist schade.

http://www.rp-online.de/region-duesseldorf/duesseldorf/nachrichten/kultur/bilder-erdruecken-kafkas-text-1.2996466

WDR 2 Die Kritiker – “Der Prozess”: Kafka in der Bilderflut
Von Stefan Keim
Das Düsseldorfer Schauspielhaus setzt gleich zum Saisonbeginn Maßstäbe – jedenfalls, was opulente Bilder angeht. Die Bearbeitung von Franz Kafkas Roman “Der Prozess” ist aber nur halb gelungen.

Der russische Starregisseur Andrej Mogutschi inszeniert den “Prozess” im Düsseldorfer Schauspielhaus. Die Bühne hebt und senkt sich, Kulissen fliegen hinein, Schauspieler gleiten auf einem Boot durch sich bewegende Traumlandschaften. Das Düsseldorfer Schauspielhaus setzt gleich zum Saisonbeginn Maßstäbe, was opulente Bilder angeht. Dennoch ist die Bearbeitung von Franz Kafkas Roman “Der Prozess” nur halb gelungen.
In den Mühlen eines undurchschaubaren Systems
Die Geschichte hat an Gültigkeit nicht verloren. Ein Angestellter namens Josef K. gerät in die Mühlen eines undurchschaubaren Systems. Er ist angeklagt, weiß aber nicht, wieso. Ein Prozess wird vorbereitet, wann er beginnt, steht in den Sternen. Konkret ändert sich in K.s Leben zunächst nichts, aber er weiß, dass er beobachtet wird. Er begegnet seltsamen Menschen, einem dekadenten Anwalt, willigen Frauen, einem geheimnisvollen Maler. Das Ende bleibt offen. Kafka hat den Roman nicht vollendet, es ist nicht einmal klar, in welcher Reihenfolge die einzelnen Kapitel gelesen werden sollen. Da bleibt viel Freiraum für eine Bühnenbearbeitung.
In Düsseldorf arbeitet nun ein russisches Team rund um den Starregisseur Andrej Mogutschi aus St. Petersburg. Er ist dort Hausregisseur am Nationaltheater, spielt aber mit der freien Gruppe, die er vor 23 Jahren gegründet hat, auch auf der Straße. Mogutschi ist ein Mann fürs große Spektakel, er hat auch schon eine Oper im Innenhof des Kreml inszeniert. In Düsseldorf greift er in die Vollen, zeigt einen Bilderrausch in Schwarzweiß und lässt einen 70köpfigen Bürgerchor aufmarschieren. Alle tragen dunkle Anzüge, schwarze Hüte und weiße Hemden wie Josef K. Doch entgegen den großen Ankündigungen bleibt die Rolle des Chores klein. Der Hauptdarsteller Carl Alm kommt aus Finnland, was man an manchen seltsamen Betonungen hört. Ein hagerer, großer Mann mit Bart, der meist kerzengerade auf der Bühne steht und nur einmal Gefühle zeigt. Da zertrümmert er einen Konzertflügel, in dessen Inneren staubige Puppen liegen. Dieser Mann ist ein wandelndes Rätsel, ein Fremder, was den Zugang zur Aufführung erschwert. Denn zum Mitfühlen lädt dieser Josef K. nicht ein.

http://www.wdr2.de/kultur/kritiker/kafka100.html

Der Prozess Andrej Mogutschi inszeniert Kafkas Roman in Düsseldorf als opulentes Bildertheater
Zum letzten Mal Psychologie! – von Guido Rademachers (nachtkritik.de)

Düsseldorf, 15. September 2012. Schon toll, was sich mit Drehbühne, Hubpodium, Video, feinster Lichttechnik und top ausgestatteten Werkstätten alles anstellen lässt. Für den russischen Regisseur Andrej Mogutschi so viel Tolles, dass es gleich den Spielplan sprengte. Seine Theaterversion von Kafkas “Der Prozess” war – zumal sich die Wiedereröffnung des Großen Hauses in Düsseldorf nach Sanierungsarbeiten verzögert hatte wegen des enormen technischen Aufwands in der letzten Spielzeit nicht mehr zu realisieren. Jetzt wurde sie als Eröffnungspremiere der neuen Saison nachgereicht.
Das Ächzen der Maschinerie
Kaum eine Sekunde Ruhe für die Techniker. Ein Boot schwebt vor der Kassettentür eines Zimmers, über dessen Wand per Video projizierte Käfer kriechen. Zwei in Mädchenkleider vom Anfang des letzten Jahrhunderts gestopfte Männer radeln auf einem Tandem durch einen wattewolkenbehangenen Bühnenhimmel. Die Drehbühne schraubt sich hoch und runter und präsentiert Kuhherden, Weizenfelder, brennende Häuser. Ein Zug fährt vorbei an surrealen Traumlandschaften, an Seen und schneebedecktem Hochgebirge.
Alles geschieht beeindruckend perfekt, aber bei jedem Absenken eines Podests, bei jedem Anspringen der Drehbühne scheint ein Ächzen der Maschinerie mitzuklingen, das einem zuflüstern will, dass solches Bildertheater doch nur das schlechtere Kino ist. Besonders, wenn es Schauspieler nur als Kostümpuppen hinzu zu arrangieren weiß.

Was folgt, ist eine Last-Picture-Show. Eine in der Ästhetik entfernt an Tadeusz Kantor erinnernde Bilderserie, die eine grotesk-angestaubte Welt aus der Roman-Entstehungszeit von 1914/1915 zeigt und ihrerseits wiederum vollgepumpt ist mit psychoanalytischen Motiven. Damit hat sich die Blickrichtung im Vergleich zum Roman umgekehrt. Dort stand Josef K. unter Beobachtung; jetzt fällt sein bereits toter Blick auf die Welt. Im Zentrum, in dem der Protagonist stand, bleibt eine Leerstelle zurück, die auch der bühnentechnische Overkill der Inszenierung nicht mehr zu schließen vermag.

5. Der Prozess, Düsseldorf: nicht grundlos bekannt
Schauspieler als Kostümpuppen? Der Hauptdarsteller hat den Sinn noch nicht verstanden? Mal ein bisschen Slapstick, mal eine kleine Gesangsperformance?
Der hochkompetente Theaterkritiker Herr Rademachers könnte sich vor der Verfassung seines Verrisses wenigstens die Mühe machen, Informationen (z.B. aus dem ausführlichen Programmheft) über die Intention des Regisseurs zu dieser Inszenierung einzuholen. Mogutschi ist nicht grundlos bekannt und vielfach ausgezeichnet für seine eigenwilligen Inszenierungen. Wie ignorant und arrogant darf (muss?) Kritik eigentlich sein, um sich als solche zu bezeichnen?
Statist ,

http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=7237:der-prozess-andrej-mogutschi-inszeniert-kafkas-roman-in-duesseldorf-als-opulentes-bildertheater&catid=38:die-nachtkritik&Itemid=40

Kafka in Düsseldorf
Mogutschi inszeniert “Der Prozess” – Erstellt 17.09.2012
Von Dorothea Hülsmeier (rundschau-online.de)

Düsseldorfs Intendant Holm vertraute die Spielzeiteröffnung dem St. Petersburger Avantgarde-Regisseur Mogutschi an, der in Russland für effektvolle und bildkräftige Inszenierungen bekannt ist. Und so brachte er auch hier das Theater zum “Explodieren”.

Spätestens als eine überlebensgroße Babypuppe am Flügel sitzt, Josef K. das Klavier zertrümmert, staubige weiße Puppen herausfleddert, eine weiße Fassade zerschneidet und einen Kuhstall zum Vorschein bringt, versteht man, was der Düsseldorfer Intendant Staffan Valdemar Holm meinte. Der sagte nämlich, der russische Regisseur Andrej Mogutschi bringe das Theater zum “Explodieren”. So ähnlich war es dann auch bei der Schauspielhaus-Premiere vom “Prozess” nach dem Romanfragment von Franz Kafka.

Holm vertraute die Spielzeiteröffnung dem St. Petersburger Avantgarde-Regisseur Mogutschi an, der in Russland für effektvolle und bildkräftige Inszenierungen bekannt ist. In Düsseldorf nutzte Mogutschi die Bühnentechnik weidlich aus und beschäftigte wochenlang mehr als 100 Leute vom Beleuchter bis zur Stuntfrau mit seiner aufwendigen und hochkomplexen Inszenierung.

Damit nicht genug. Eigens für den “Prozess” bildete Mogutschis Team aus 70 Düsseldorfern einen “Volksavantgardechor”. Alle bekamen für die Inszenierung einen Schnellkurs in Sprechen, Singen und Spielen. Gekleidet in schwarze Anzüge, mit schwarzen Hüten und weißen Handschuhen mischte sich der Chor schon vor der Aufführung und in der Pause unters Publikum, besetzte die ersten Reihen im Parkett und war immer überall dabei.

Es wäre natürlich ein Leichtes gewesen, daraus eine regimekritische Parabel der jüngsten Justizskandale in Russland zu machen. Aber Mogutschi, der erstmals Kafka inszenierte, wollte ausdrücklich “weder politisch oder sozialkritisch noch esoterisch oder philosophisch” an Kafka herangehen. Ihm gehe es “um die Frage des Todes”, sagte Mogutschi, und die gehe jeden an.

Vielleicht hat Mogutschi deshalb einen großen Laien-Chor gebildet, aus dem sich K. herausschält. Bevor es allerdings um den Tod geht, ist auf der Bühne eine Menge los. Collageartige Bühnenbilder, die Fotografie, Film und Texte Kafkas wie die Parabel “Vor dem Gesetz” zusammenführen, lassen die schauspielerische Leistung in den Hintergrund treten. Der phlegmatische Josef K., gespielt von Carl Alm, wird mitgerissen und als Marionette einer unbekannten höheren Macht schon am Anfang an Stahlseilen in sein Schicksal gehievt. Das Stück schwankt zwischen Slapstick, Groteske und deftiger Erotik. Grausames und Komisches vermischte auch Kafka (1883-1924), der das Kino liebte.

So ganz sicher war sich das Düsseldorfer Publikum nach drei Stunden nicht, was es nun von diesem russischen Kafka halten sollte. Aber der Applaus für alle dauerte dann viele Minuten, und am Schluss hieß es von einigen anerkennend: “Richtig Theater!” (dpa)

http://www.rundschau-online.de/kultur/kafka-in-duesseldorf-mogutschi-inszeniert–der-prozess-,15184894,17272980.html

Andrej Mogutschi und Düsseldorfer Volksavantgarde Chor F.K.

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St Petersburg mit Andrej Mogutschi im Schauspielhaus D.

Franz Kafka – Carl Alm – Stefan Schmidtke – Schauspiel Prozess