15.05.2015 – Glaskasten Marl: China 8 – Die angehaltene Zeit. Video und Sound

 

Glaskasten Marl: China 8 – Die angehaltene Zeit. Video und Sound

China 8 Glaskasten Marl Yi Lian Georg Elben Yang Zhenzhong | Wang Gongxin Yang Yongliang

vera kriebel    15.05.2015

9 Ausstellungen in 8 Städten: Duisburg, Düsseldorf, Marl, Mülheim, Recklinghausen, Hagen, Gelsenkirchen, Essen.
Die China8 will alles. Oder fast alles.

China 8 im Glaskasten Marl: Videoinstallationen
Aber zunächst zum Abwegigen, zu dem, wohin man eigentlich nie geht, weil das alles so verkopfte und zugleich nervtötend bauchlastige Kunstkunst ist. Videokunst. Und dann noch wortwörtlich abwegig: In Marl, das am Rand liegt, am Rand des Ruhrgebiets und des Münsterlands, und de facto einfach ein verkopftes Kunstkonglomerat aus allem ist, was die Ruhrgebietsstädteplanung an absurden Hässlichkeiten seit 1960 hervorgebracht hat. Aber diesmal muss man hin nach Marl, denn dort gibt es neben dem sicherlich unterhaltsamsten Kurator auch mindestens zwei Kunstwerke, die weltweit ihresgleichen suchen dürften.

Wang Gongxin: Still Life
Still Life No. 1-7 (2012) von Wang Gongxin – eine Serie technisch perfekter zerbrochener Stillleben, von denen einige auf den ersten Blick an die alten niederländischen Meister erinnern. Ein Totenkopf hinten, ein Wabengeflecht vorne. Still, bis auf die Bienen, die sich daraus unendlich und verzweifelt und erfolglos zu befreien versuchen. Eine Glühbirne hängt über einem glitzernden Wabengeflecht, ein Berg Seifenblasen, der nach und nach zerplatzt, ein Insekt freigibt, das über seine langen Fühler – diese Anthropomorphismen drängen sich bei Wang Gongxin auf – verunsichert die Umgebung erkundet, während die Seifenblasen sich über der Seife wieder aufzubauen beginnen. Dunkelheit, der Lichtstrahl fällt auf die breite Schneide eines Messers, die Spitze nach unten, während um die Scheide eine Libelle zwirbelt. Mit quälender Langsamkeit stakst eine Gottesanbeterin ins Bild unter einer von oben herab hängenden zerknitterten Folie.
Chinesische Sinnbilder für die Vergeblichkeit unermüdlichen Strebens, die Beharrlichkeit der Langsamkeit, die Sinnlosigkeit des Bemühens, die geheimnisvolle Schönheit der Natur, den unüberbrückbaren Graben zwischen Natur und Kultur.

Yi Lian
Ein ganzer Raum für die drei Filmprojektionen des jüngsten Künstlers der China8: Yi Lian. Wunderbare Märchenlandschaften, die sich in Albträume verwandeln. Heiße Quellen in der Nacht, ein Hund schwimmt Äpfeln hinterher, eine Froschleiche streckt sich rücklings unterwasser. Eine idyllische hüglige Weidelandschaft mit Schafen, durch die sich ein menschlicher Tausendfüßler schlängelt, Krähen auf Ästen im lockeren Wald, darin Frauen Gefangene in Glasschaukästen. Nackte, spielende Jungen in einem sumpfigen Teich, beobachtet von hinten. Von vorne scheinen ihre Köpfe aber merkwürdig alienhaft, die Münder wie im Schrei geöffnet.
Die eigentlich eigenständigen Filme spielen in diesem Raum im Glaskasten Marl zusammen und ergänzen sich. Und auch wenn sie noch so westlich wirken: Es sind chinesische Märchen, die sie erzählen. Chinesische Albträume.

Die angehaltene Zeit. Video und Sound.
Das dritte Alleinstellungsmerkmal des Glaskastens Marl im Rahmen von China8 ist der Kurator Georg Elben, seit 2011 Direktor des Marler Kunstmuseums, dessen Schwerpunkte Video, Sound und Skulptur (ein sehr schöner Skulpturenpark umgibt und zieht sich durch das Ensemble der Stadtverwaltung Marl) sind. Untergebracht ist das Museum in Erdgeschoss und Keller eines modernen Betonverwaltungsbunkers, der die gläserne Außenhülle de facto verdeckt, so dass ein Glaskasten eher auf dem Reißbrett erkennbar ist.
Mosaikfliesen in 70er-Jahre-Farben zieren die Wände, alles wirkt etwas abgegriffen und schmuddelig, draußen vor den Glasfassaden stehen Männergrüppchen beim bierseligen Palaver, auf der Standuhr im – wie sollte es anders sein – trockenen Brunnen draußen auf dem Platz ist es permanent 5 vor 12. Georg Elben hat es definitiv nicht leicht im Leben. Aber das hat ihm nicht die Begeisterung für seine Video- und Sound-Kunstwerke genommen. Im Gegenteil: Eine Führung von Elben durch seinen China8-Parcour ist ein Insidertipp.

Man muss dabei nicht immer der Meinung Elbens sein, z.B. wenn es um das Video “Exam” (2012) von Yang Zhenzhong geht, das zwei kleine Mädchen beim fleißigen Repetieren für eine Prüfung zeigt. Sie lernen stumpfsinnig kommunistische Weisheiten zum Sinn und Zweck der proletarischen Revolution auswendig, “was man ja auch als Kritik am System deuten kann” (Elben). Wenn die beiden Schulmädchen nicht beim Lernen dekorativ in knappen blütenreinen Dessous auf dem Bett posieren und sich rekeln würden.

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