10.04.2015 – Museum Folkwang and Tate Modern Conflict, Time, Photography

 

Museum Folkwang and Tate Modern Conflict, Time, Photography

by Tate Modern in Museum Folkwang Essen

vera kriebel    10.04.2015

Es ist endlich Frühling! Blauer Himmel, Sonnenschein, Temperaturen so deutlich über Null, dass die Rheinwiesen heute der richtige Ort sind.
Im Posteingang droht stattdessen die Einladung des Museum Folkwang zur neuen Ausstellung Conflict, Time, Photography. Kriegsfotografie. Keine „Geschichte der Kriegsfotografie“, wie man in der Pressemitteilung betont. Aber das macht es auch nicht besser. Verstümmelte Leiber, moralinsaure, der Sozialdemokratie verpflichtete Ruhrgebiets-Ausstellungsmache oder – immerhin mischt die Tate Modern mit – Entlarvung des Bilderkrieges als Mittel der Kriegführung, der Fotograf als Propagandist der Foto-Waffe. Wer will schon an so einem Frühlingstag in eine solch düstere, negative Schau gehen?
Um gleich den Zeigefinger, den die Ausstellung nur kaum merklich erhebt, an dieser Stelle zu strecken: Man sollte wollen, die Ausstellung ist einer der Höhepunkte in 2015.

Fotografiert wurden die Wolke über Hiroshima Sekunden später, Dresden 7 Monate später, Nagasaki 18 Jahre später. Verändert sich die Bilddokumentation von Krieg, wenn Zeit dazwischen liegt? Dokumentiert wird nicht nur “direkt”, das wird im Essener Folkwang-Museum klar. Dokumentar-Fotografieren bedeutet “Augenzeugenschaft – Spurensuche – Bestandsaufnahme – Erinnerungsarbeit – Künstlerische Lesarten des Archivs – Rückkehr zu den Orten – Suggestion des Unsichtbaren” (Website Folkwang).

Doch eigentlich geht es in der neuen Ausstellung Conflict, Time, Photography im Museum Folkwang in Essen gar nicht so sehr um die Zeit, die zwischen Foto und dem Konflikt liegt, auch wenn die oberflächlich den Ton anzugeben scheint, denn die Werke sind danach geordnet. Es geht vielmehr um anderes:
Gibt es Kriegsdokumentation in Fotos überhaupt? Spätestens seit dem Irakkrieg 1992, in dessen Gefolge deutlich wurde, dass die journalistische und fotografische Dokumentation durch das amerikanische Militär gesteuert und die Szenen und Bilder inszeniert worden waren, ist man sich da nicht mehr sicher. Dass der Irakkrieg in dieser Beziehung nichts Neues oder Ungewöhnliches hervorgebracht hat, wusste man ja irgendwie, in der Folkwang-Schau wird das aber wirklich klar und deutlich: Die verschiedene Art dieses Etwas, diesen grausamen Krieg, diese Kriege, zu verarbeiten, gibt das Prinzip der Ausstellung vor.

Es gibt eine – und das erstaunt dann doch – unerschöpfliche Vielfalt von Herangehensweisen: Künstler, die in ihren Fotos dem Krieg eine schaurige und schöne Ästhetik andichten (und plötzlich man erinnert sich: Ja, sicher, der Pilz über Hiroshima, auch wenn dieser hier in Essen nicht vorkommt). Hervorzuheben (und dies durchaus mit einigem Unwohlsein) ist hier Sophie Ristelhuebers Fait. Wundersam gezogene und gesponnene Linien und Netze der Kriegsgräben des Ersten Golfkrieges, die sie 7 Monate später im Oktober 1991 fotografiert und denen man den Krieg auf den ersten Blick nicht ansieht, wären da nicht zum Beispiel an einigen wie inszeniert hingeworfene Granaten drapiert. Säuberlich drapiert liegen auch die Kanonenkugeln auf Roger Fentons 2 Monate nach dem Gefecht fotografierte Schlachtfeld des Krimkrieges 1853-1856 in der öden Landschaft. (The Valley of the Shadow of Death):
Mit dem Good Friday Agreement, dem Karfreitagsabkommen, gilt der Nordirland-Konflikt als beendet. Adam Broomberg und Oliver Chanarin stellen 13 Jahre danach eine Wand mit Fotos zusammen, die sich mit dem Nordirland-Konflikt beschäftigen. Genauer: Mit Ausschnitten von Fotos aus einem Archiv über das Leben in Belfast seit den 1960er. Noch genauer: Ausschnitte, die von bunten Punkten überdeckt wurden, mit denen Forschern bestimmte Seiten und Fotos markiert hatten. (People in Trouble Laughing Pushed to the Ground)
Taryn Simon, der schon 2013 eine eigene Ausstellung im Folkwang gewidmet war, zeigt, was der Völkermord von Srebrenica mit einer Familie macht oder die Nazis und der 2. Weltkrieg mit der Familie von Hans Frank, dem Rechtsbeistand Hitlers und Generalgouverneur des besetzten Polens: Leere Bilder in den Familienportraits, wo eigentlich Söhne, Schwestern, Tanten, Väter sein müssten. Oder das verstümmelte Portrait des Getöteten, die Überreste der Ermordeten: ein Zahn, ein Knochenstück, ein Hemd, ein Jacket. (A Living Man Declared Dead and Other Chapters I – XVIII )

Eine große Ausstellung.
Apr – Jul 2015

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